Warum ich Krautreporter trotzdem unterstütze

Krautreporter

Das wird nix! So dachte ich, als ich das erste Mal vom Projekt Krautreporter (Magazin) las. Wieder so ein von der Ideologie der reinen Lehre geprägtes Vorhaben: Ein tägliches Magazin „für die Geschichten hinter den Nachrichten“. Und natürlich mit „ausführlichen, möglichst multimedialen Beiträgen von tollen Autoren“. Zudem soll es „emotional, relevant, journalistisch“ sein. Als gäbe es das bei den etablierten Anbietern, Verlagen, Medienhäusern nicht. Als würden die sich keine Gedanken über Qualitätsjournalismus im Digital-Media-Zeitalter machen. Als würden die Leser seit Jahren verzweifelt und vergeblich durchs Internet surfen und keine hintergründigen, journalistischen, relevanten, emotionalen, ausführlichen und von tollen Autoren multimedial aufbereiteten Beiträge finden. Das ist realitätsfern, ideologisch geprägt eben.

Wacklige ökonomische Basis

Und dann auch noch diese wacklige ökonomische Basis. Werbefrei! Warum? „Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss.“

  • Als gäbe es keine Erfolge mit Facebook Ads, mit Google Ads, mit Social-Media-Marketing.
  • Als müssten Renditen und Gewinne im Journalismus keine Rolle spielen.
  • Als wäre die Quersubvention von Qualitätsjournalismus durch Erlöse aus Digitalisierungsstrategien wie bei der Axel Springer SE verwerflich.
  • Als hätte es im genossenschaftlichen Modell der taz in den vergangenen Jahrzehnten keine Liquiditätskrisen gegeben.
  • Als würde ein ausschließlich durch Abonnenten finanziertes Online-Projekt die Personalkosten der Protagonisten, die Aufwendungen der anspruchsvollen Recherchen und die notwendigen Investitionen in die hochdynamischen digitalen Medien decken können.

Und das alles in einer Zeit sinkender Markentreue, unter der alle Content- und Informationsanbieter leiden.

Und immer an die Leser denken

Die Antwort liefern die Macher von Krautreporter: Ihr Projekt liefere „Geschichten, die Sie [die Leser] interessieren!“ Diese wiederum entstünden „in enger Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern“. Das also ist das Neue, das Revolutionäre am Krautreporter-Magazin?

  • Als ob es die Leser-Blatt-Bindung, den Austausch mit den Lesern, die Leser-Anwälte (Ombudsleute), die Leser-Reporter, die Leserbriefrubriken, die Kommentarfunktionen, die Social-Media-Angebote der etablierten Anbieter nie gegeben hätte.
  • Als ob das Social-TV-Projekt „Rundshow“ des umtriebigen Krautreporters und von mir sehr geschätzten Kollegen Richard Gutjahr im Bayerischen Fernsehen völlig ausgeblendet würde.
  • Als ob Medienunternehmen nicht schon seit Jahren Antworten auf die geänderte Mediennutzung suchen würden.
  • Als ob sie nicht Strukturen schafften, um zum Beispiel über Newsdesk Themen multimedial aufzubereiten und über alle Kanäle auszuspielen.

Auch der vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hervorgehobene Club-Gedanke ist nicht wirklich neu. Im Grunde sind alle Abonnenten eines Mediums Mitglieder eines Clubs. Nun, er und die Macher von Krautreporter sind eben keine Marketingexperten. Sonst wären ihnen (möglicherweise) bessere Argumente für das Projekt eingefallen. Das könnte ihnen aus ökonomischer Sicht noch zum Verhängnis werden.

Leidenschaft als Grundstein für Erfolg

Sie sind aber Journalisten aus Leidenschaft. Wer diese Leidenschaft teilt, muss das Projekt Krautreporter unterstützen. Denn auch wenn es nach ein paar Jahren wieder eingestellt werden sollte, weil zum Beispiel die finanziellen Mittel nicht ausreichen, weil die jetzige Einheit der Protagonisten mit unterschiedlich ausgeprägten Selbstdarstellungsqualitäten bröckelt oder weil die inhaltliche Ausrichtung des Magazins für die Abonnenten bzw. Mitglieder unklar bleibt, so werden doch alle Medienschaffenden von den Erfahrungen profitieren können.

Viel Erfolg, Krautreporter!

Deshalb unterstütze ich Krautreporter und wünsche dem Projekt von Herzen viel Erfolg! Vielleicht wird damit der Grundstein für ein Konzept für Qualitätsjournalismus im Internet gelegt, das sich tatsächlich wirtschaftlich trägt. Inwieweit es gegebenenfalls von gewinnorientierten Medienunternehmen, die jetzt noch zum Beispiel auf Paywalls setzen, adaptiert werden kann, muss sich zeigen.

Foto: Krautreporter

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