Springers Verbalangriff auf Google

google

Angriff ist die beste Verteidigung, wird sich der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Dr. Mathias Döpfner, gedacht haben, als er seinen offenen Brief an den Vorsitzenden des Verwaltungsrates von Google, Eric Schmidt, verfasste. Als “Größter unter den Kleinen” bekennt Döpfner in dem heute in der FAZ veröffentlichten Schreiben stellvertretend für alle anderen Verlage, dass sich seine ganze Branche vor Google fürchte. Die aktuellen Einlassungen Döpfners sind die logische Fortsetzung des Einsatzes seines Hauses, insbesondere seines Konzerngeschäftsführers Public Affairs Christoph Keese, für das Leistungsschutzrecht. Und sie waren ein Signal an die Aktionäre in der heutigen Hauptversammlung.

Die Reaktionen auf den langen Beitrag sind vielfältig. Die einen ziehen erwartungsgemäß die Populismuskarte. Andere wie der Autor des Buchs “What would Google do?” Jeff Jarvis machen sich lustig über “A German business model“. Wieder andere kritisieren, dass man doch Alternativen habe zu Google und jedes Unternehmen quasi selbst schuld sei, das die Angebote von Google nutze.

Googles Marktmacht

Dem hält Döpfner jedoch die absolute Marktbeherrschung Googles entgegen:

Wir kennen keine Alternative, die auch nur ansatzweise vergleichbare technologische Voraussetzungen zur automatisierten Werbevermarktung bietet. [...] Wir kennen auch keine Suchmaschinen-Alternative zur Sicherung oder Steigerung unserer Online-Reichweite. [...] In anderen, vor allem nichtjournalistischen Bereichen findet der Kunde sogar fast ausschließlich durch Google den Weg zum Anbieter.

Was er damit meint, führt der Springer-CEO ausführlich aus: So erinnert er daran, dass Google mit einem globalen Marktanteil von 70 Prozent nicht nur die größte Suchmaschine der Welt sei. Im deutschen Suchmaschinenmarkt sei Google mit 91,2 Prozent Anteil ebenso Marktführer wie im deutschen Online-Werbemarkt, wo Google derzeit einen Anteil von rund 60 Prozent innehabe. Darüber hinaus halte Google mit YouTube noch die größte Video-Plattform bereit, mit Chrome den größten Browser, mit Gmail den meistgenutzten E-Mail-Dienst und mit Android das größte Betriebssystem für mobile Geräte.

Googles Marktmachtmissbrauch

Die von Döpfner skizzierte Marktbeherrschung schlägt sich auch in den wirtschaftlichen Ergebnissen der Google Corporation nieder. So beschäftig das Unternehmen weltweit nahezu 50.000 Mitarbeiter, die 2013 einen Umsatz von 60 Milliarden USD und einen Gewinn von 14 Milliarden USD erwirtschaftet haben. Das würde dem 20-Fachen des Gewinns der Axel Springer SE entsprechen, so Döpfner. Dass Marktbeherrschung und Marktmachtmissbrauch nahe beieinander liegen, macht der Springer-CEO ebenfalls deutlich. So kritisiert er, dass Google eigene Produkte, vom E-Commerce bis hin zu den Seiten aus dem eigenen Google+-Netzwerk, besser als Wettbewerber liste. Auch wenn ein Angebot von Google weniger Besucher habe als das eines Wettbewerbers, erscheine es weiter oben, bis es irgendwann auch mehr Besucher habe, so Döpfner. Und er fügt ein weiteres Beispiel an:

Wenn Google einen Algorithmus ändert, bricht bei einem unserer Tochterunternehmen in wenigen Tagen der Traffic um 70 Prozent ein. Das ist ein realer Fall. Und dass dieses Tochterunternehmen ein Wettbewerber von Google ist, ist dabei sicher Zufall.

Corporate Social Responsibility?

Ohne den Begriff zu verwenden, appelliert Mathias Döpfner angesichts der von ihm dargelegten weltweiten Marktbeherrschung und Tatbestände des Marktmachtmissbrauchs an Googles Corporate Social Responsibility. Er verstehe, so Döpfner, dass Eric Schmidt zum Beispiel gegenüber der Europäischen Kommission die Interessen seines Unternehmens vertrete. Döpfner selbst tut dies für die Axel Springer SE und würde dies auch als Google-Chef tun. Allerdings hat sich Döpfner im Unterschied etwa zu Google-Gründer Larry Page bislang nicht für Orte auf hoher See ohne Datenschutzgesetze und ohne demokratische Verantwortung ausgesprochen. Darin unterscheidet sich die Axel Springer SE auch von Google: Sie ist bereit, echte Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, in der sie ihre Produkte anbietet und schafft sich keine Schattengesellschaft. Man darf annehmen, dass diese Tradition von Firmengründer Axel Springer trotz des konsequenten Digitalisierungskurses fester Bestandteil der Unternehmenskultur bleiben wird.

Hilfe von der Politik

Der heutige Verbalangriff des Davids auf den Goliath war beeindruckend und in weiten Teilen schlüssig. Am Ende war er aber nicht mehr als ein Hilferuf an den Staat, an die Europäische Kommission. Ist das verwerflich oder eines gestandenen Unternehmers nicht würdig? Mathias Döpfner hat schon einmal die Erfahrung machen dürfen, dass sich die Politik der Interessen seines Unternehmens annimmt. Wenn er nun erkennen muss, dass sich der Markt, in dem er mit seinem Unternehmen tätig ist, aufgrund der globalen Marktübermacht eines einzigen Players nicht selbst regulieren kann, dann ist sein Appell an die Politik folgerichtig. Die Frage wird jedoch sein, welche Konsequenzen die Politik genau ziehen soll. Das wird kaum in offenen Briefen diskutiert werden.

1 Comment

Leave a Reply