Satire ist nicht auf Verständigung angelegt

Vor drei Tagen haben in den USA zwei Islamisten auf einen unbewaffneten Wachmann und einen Polizisten geschossen, die in Garland, Texas, eine Ausstellung mit Mohammed-Karikaturen bewachten. Im Februar ereignete sich ein ähnlicher Vorfall in Kopenhagen. Am 7. Januar stürmten Islamisten die Redaktion der Satire-Zeitung Charlie Hebdo und ermordeten elf Menschen. Der Grund auch hier: satirische, also verspottende Mohammed-Karikaturen im Blatt.

Die Grenzen von Satire nach Tucholsky

Die reflexartige Reaktion auf solche Ereignisse ist hierzulande immer gleich: Es ist die Rede davon, dass wir uns von Terroristen nicht einschüchtern lassen dürften, dass wir die Errungenschaften der Aufklärung, die Meinungs- und Pressefreiheit verteidigen müssten, dass wir doch alle Charlie Hebdo seien usw. Aber wie steht es um die Ethik? Darf Satire wirklich alles, wie man Kurt Tucholsky (1890 – 1935) gerne zuschreibt?  Nein, meint der Münchner Kabarettist und Autor Christian Springer und weist darauf hin, dass Tucholsky selbst der Satire mindestens zwei Grenzen gesetzt habe, nämlich nach oben Buddha und nach unten den deutschen Faschismus. In einem Werkstattgespräch des Medienpolitischen Arbeitskreises der Hanns-Seidel-Stiftung ergänzte Springer am Montag, dass es bei der Frage, ob Satire alles dürfe, darauf ankomme, wer sich über wen und was lustig mache bzw. verspotte. So habe nach dem Bekanntwerden von Ottfried Fischers Parkinson-Erkrankung nur dieser öffentlich witzeln dürfen, das Publikum würde fortan nur noch Schüttelreime von ihm hören. Jedem anderen Kabarettisten und Karikaturisten hätte dieser Witz über Fischer nicht zugestanden. Auch nicht als Satire.

Bezogen auf die Mohammed-Karikaturen drängt sich vor dem Hintergrund des genannten Beispiels die Frage auf, ob eine Grenze von Satire nicht auch dann überschritten ist, wenn Mohammed von Andersgläubigen karikiert wird. Diese Frage hat eine doppelte Dimension. Denn viele Muslime (darunter der Weltverband der muslimischen Religionsgelehrten) gehen davon aus, dass der Islam es verbiete, Gott und die Propheten in irgendeiner Weise bildlich darzustellen. Mohammed-Karikaturen können für diese Menschen somit als doppelte Provokation empfunden werden. An dieser rein subjektiven Wahrnehmung dürfte auch die sicherlich wohlmeinende Interpretation des Karikaturisten und Journalisten Dieter Hanitzsch kaum etwas ändern, der in besagtem Werkstattgespräch anmerkte, Mohammed-Karikaturen seien nicht gegen den Religionsstifter gerichtet, sondern gegen jene, die sich bei ihrem Terror auf diesen beriefen.

Satire darf Selbstbild nicht infrage stellen

Brauchen wir also gerade in der digitalen Informationsgesellschaft, in der sich Karikaturen und andere Provokationen in Sekundenschnelle über den ganzen Globus verbreiten, eine globale Ethik, um verbindliche Grenzen von Satire ausloten zu können? Prof. Dr. Alexander Filipović von der Hochschule für Philosophie in München ist der Ansicht, dass Satire möglichst viel können müsse, auch Kritik an Religionen üben. Allerdings hält er eine Grenze für Satire dort für überschritten, wo sie das Selbstbild von Menschen fundamental infrage stelle. Bezogen auf die Mohammed-Karikaturen kann aber genau das auf jene gläubigen Muslimen zutreffen, denen das grundsätzliche Verbot der Propheten-Darstellung wichtig ist. Dabei dürfte es ihnen egal sein, ob er von westlichen Künstlern zum Gegenstand von Satire gemacht wird oder von arabischen.

Andere Grenzen von Satire sind juristischer Art. Verletzungen des Persönlichkeitsrechts etwa, oder der in diesem Blog bereits angesprochene Paragraph 166 unseres Strafgesetzbuches. Letzterer bekommt in einer zunehmend inhomogen werdenden Gesellschaft eine immer größere Bedeutung. Denn er dient dem Schutz des öffentlichen Friedens: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.” Dazu zählen laut Rechtsprechung besonders gravierende herabsetzende Äußerung oder Verleumdungen. Satirische Karikaturen mit religiösen Themen können gerade in multireligiösen Gesellschaften nicht zuletzt aufgrund der oben genannten Punkte das Potenzial haben, den öffentlichen Frieden zu gefährden.

Die Verantwortung der Medien

An dieser Stelle kommen die Medien ins Spiel, die solche Karikaturen veröffentlichen oder andere Formen von Satire verbreiten. Sie haben eine Verantwortung für die Gesellschaft und für den öffentlichen Frieden. Die Frage ist jedoch, ob die Journalisten über das Rüstzeug verfügen, sich dieser Verantwortung bewusst zu sein und entsprechend zu handeln. Nach Ansicht des Vorsitzenden des BR-Rundfunkrates, Prälat Dr. Lorenz Wolf, muss der dafür unter anderem notwendige Anstand in der Erziehung gelehrt werden. Für Ethikprofessors Filipović ist klar, dass man auch die entsprechenden Tugenden einüben müsse. Doch Journalistenschüler und Volontäre sollten Anstand und Tugenden bereits beherrschen, wenn sie ihre Ausbildung beginnen. Denn diesbezügliche Defizite können die Medienhäuser kaum mehr ausgleichen. Auch die notwendige Vermittlung (medien-) rechtlicher Aspekte scheint in der Journalistenausbildung nicht immer ihrer in der Digitalisierung wachsenden Bedeutung angemessen zu sein.

Das alles wirkt sich auf die Fähigkeit von Redakteuren aus, gegebenenfalls unter Zeitdruck über die rechtlichen und ethischen Grenzen von Satire entscheiden zu können. Wie das auch in Deutschland schief laufen kann, zeigt dieses von Christian Springer vorgebrachte Beispiel : Am 21. Februar 2014 gab die Süddeutsche Zeitung eine Karikatur über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im ersten Andruck frei, die an antisemitische Zeichnungen des NS-Kampfblattes „Der Stürmer“ erinnerte. In der SZ wurde der Jude Zuckerberg mit Hakennase und als Krake dargestellt, die die ganze Welt beherrschen wolle. Weder dem Karikaturisten, der sich bei der Darstellung Zuckerbergs nach eigener Aussage an einer Figur aus dem Film „Fluch der Karibik“ orientierte, noch dem verantwortlichen Redakteur, der die Karikatur ins Blatt gehoben hatte, war aufgefallen, dass die Zeichnung ethische Grenzen der Satire verletzt hatte.

Fazit

Gerade weil Satire Missstände anprangert und dabei auf das Stilmittel des Spotts zurückgreift, ist sie nach den Worten von Prof. Filipović „nicht auf Verständigung angelegt“. In nicht (mehr) homogenen Kulturkreisen ist jedoch die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen entscheidend für die Wahrung des öffentlichen Friedens. Daher sollte Satire stets unter besonderer Berücksichtigung ihrer ethischen und rechtlichen Grenzen eingesetzt werden. Und wem Satire grundsätzlich nicht gefällt, für den hat Prälat Dr. Lorenz Wolf einen Tipp. Er outete sich im Werkstattgespräch als Satire-Fan, bekannte aber, dass auch ihm nicht jede Satire gefalle. In diesen Fällen geht er jedoch davon aus, dass andere an dieser Satire Gefallen finden könnten und er nur umzublättern oder umzuschalten brauche.

Der Bayerische Rundfunk hat die Diskussionsrunde des Medienpolitischen Arbeitskreises der Hanns-Seidel-Stiftung aufgezeichnet, moderiert wurde sie von Daniela Arnu (BR). Die Sendung wird voraussichtlich am 11. Juli 2015 um 22:30 Uhr auf ARD-alpha ausgestrahlt.

Foto: Hanns-Seidel-Stiftung / Hubertus Klingsbögl

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