Munich Shooting: Vermeidbare Panik in der Innenstadt

Der Amoklauf in München am Freitag zeigt auf eindrucksvolle Art die Risiken moderner Berichterstattung in Echtzeit auf. Und Munich Shooting verdeutlicht die gestiegenen Anforderungen an Qualitätsjournalismus. Denn eine der größten Herausforderungen von Journalisten ist es mittlerweile, professionell abzuwägen zwischen Gründlichkeit und Schnelligkeit. Warum ist das so? Weil eine Eilmeldung oder Breaking News per definitionem schnell herausgehen muss – und zwar möglichst schneller als das Angebot der Konkurrenz. Es ist ein Wettbewerb um die Informationshoheit, um die beste News-App, um die höchste Glaubwürdigkeit. Dass dieser Wettbewerb auch Paniken auslösen kann, habe ich am Freitag am eigenen Leib in München erlebt.

221831Bjul16: Munich Shooting beginnt

Munich ShootingEs ist der 22. Juli 2016. Die Weltstadt mit Herz ist in Wochenendlaune. Es ist schwülwarm in der Innenstadt. Ich befinde mich im großen Traditionshaus KONEN in Wurfweite von Marienplatz und Viktualienmarkt. Es ist nach 18 Uhr. Gerade habe ich einen Verkäufer in der Herrenabteilung im 3. Stock angesprochen, da meldet sich n-tv um 18:31 Uhr via App auf meinem iPhone: „Breaking News – Bericht: Schüsse in Münchner Einkaufszentrum„. Drei Minuten später, um 18:34 Uhr, folgt die Tagesschau mit der vagen Eilmeldung: „Offenbar Schüsse in Münchner Einkaufszentrum„.

Nachdem im KONEN alles ruhig ist, fühle ich mich zu diesem Zeitpunkt zwar sicher, frage mich aber, wie weit die Schießerei von hier wohl weg sein würde. Und was steckte dahinter? Das Attentat eines islamistischen Flüchtlings mit Axt und Messer in einem Regionalzug in der Nähe von Würzburg ist keine Woche her. Seit dem Terroranschlag des IS in Nizza mit über 80 Toten sind gerade einmal acht Tage vergangen. Im Unterbewusstsein beginnt das Kopfkino, das Bewusstsein ruft eindringlich zu Gelassenheit.

221845Bjul16: Mehrere Todesopfer

Um 18:36 Uhr gibt es zumindest Gewissheit bezüglich der Örtlichkeit durch BR24: „Polizei bestätigt: Wohl Schießerei bei OEZ – Angeblich mehrere Personen verletzt„. Das Olympia Einkaufszentrum (OEZ) befindet sich im Stadtteil Moosach, rund acht Kilometer nordwestlich der Münchner Altstadt. Für die Menschen in der Innenstadt besteht zu diesem Zeitpunkt also keine unmittelbare Gefahr. Allerdings entwickelt sich die Lage rund um das OEZ dramatisch weiter: Als ich gerade eine Viertelstunde im Geschäft bin und die ersten Hosen anprobiere, überschlagen sich die Ereignisse. n-tv berichtet um 18:45 Uhr „Breaking News – Berichte: Tote bei Schießerei in Münchner Einkaufszentrum„. Um 18:47 Uhr meldet BR24: „Schießerei in Einkaufszentrum – Polizei befürchtet Tote„.

221922Bjul16: Täter auf der Flucht

Munich AttackDie nächste halbe Stunde konzentriere ich mich auf meinen Einkauf und bin um 19:12 Uhr an der Kasse. Die Kassiererin ist sichtlich aufgewühlt und wünscht allen Kunden einen sicheren Weg nach Hause. Ich bedanke mich, wünsche ihr dasselbe, bleibe aber erst einmal im Einkaufszentrum. Unweit des Haupteingangs setzte ich mich auf einen Stuhl und sondiere die Nachrichtenlage. Munich Shooting bzw. der Hashtag #munichshooting setzt sich durch. Um 19:17 Uhr verkündet dann BR24: „Polizei warnt vor Angreifer – Täter ist offenbar noch auf freiem Fuß„.

Das sind keine guten Nachrichten, denn spätestens mit dieser Meldung ändert sich die Sicherheitslage nun auch für uns in der Innenstadt. Denn innerhalb der zurück liegenden halben Stunde hätten der oder die Täter in die Altstadt gelangen können (Fahrzeit mit U-Bahn und Auto rund 20 Minuten). Fünf Minuten später spitzt sich die Lage allgemein weiter zu, denn um 19:22 Uhr meldet BR24: „Nach Schießerei bei Einkaufszentrum – Polizei ruft Bevölkerung auf, öffentliche Plätze zu meiden„. So bleibe ich weiter im Gebäude.

221925Bjul16: Panik in der Innenstadt

Keine drei Minuten darauf, um 19:25 Uhr, sehe ich durch die breite gläserne Eingangsfront plötzlich Menschen schreiend im Färbergraben in Richtung Rindermarkt rennen. Hinter ihnen fahren zwei hupende Autos mit für an diese Stelle ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit (der Färbergraben durchkreutzt dort die Fußgängerzone). Etwa 20 Personen stürmen durch die Eingangstür des Bekleidungshauses, rennen an mir vorbei zur Rolltreppe und laufen hinauf.

Ich unterhielt mich gerade mit einem 87-jährigen Mann und dessen Tochter und bringe die beiden hinter einer breiten Säule in Deckung. Was würde jetzt passieren? Waren Bewaffnete hinter den fliehenden Menschen her? War einer der Täter unerkannt mit herein gekommen und befand sich nun im Gebäude? Es gab zuvor Gerüchte über eine Schießerei in der Nähe, nämlich am Stachus. Antenne Bayern soll das gemeldet haben. Das würde die Panik erklären. Für die Polizei ist die Lage ebenfalls weiterhin unübersichtlich, wie sie um 19:41 Uhr twittert:

Mittlerweile ist von drei Tätern die Rede, die allesamt auf der Flucht seien. Über der Innenstadt hört man Hubschrauber kreisen. Um 20:10 Uhr empfiehlt die Polizei München noch einmal dringend, angesichts des Munich Shooting in Häusern zu bleiben und dort Schutz zu suchen.

222012Bjul16: ÖPNV komplett stillgelegt

Kurz nach 20 Uhr werden sowohl der Münchner Hauptbahnhof geräumt und gesperrt als auch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) komplett eingestellt. An ein sicheres Fortkommen außerhalb des Bekleidungsgeschäftes ist nun überhaupt nicht mehr zu denken. Eine Frau sagt mir, sie wolle ihre kleine Tochter abholen. Davon rate ich ihr dringend ab, woraufhin sie ihre Tochter anruft und weiter im Gebäude bleibt.

222015Bjul16: Gefangen, aber sicher

Die Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes, der mehrere namhafte Einkaufszentren in der Münchner Innenstadt betreut, haben unterdessen alle Zugänge des Bekleidungsgeschäfts KONEN geschlossen. Kunden und Mitarbeiter werden unter anderem per Lautsprecherdurchsage in das oberste Stockwerk gebeten. Auf dem Weg dorthin informiere ich meine Familie.

In den Büroräumen von Geschäftsführung und Verwaltung tummeln sich jetzt rund 150 Menschen. Darunter sind einige Kinder sowie Touristen aus unterschiedlichen Ländern. Das Sprachengewirr erinnert an Babylon. Ein Mann trägt einen grauen Anzug mit dunklem Hemd. Er steht in Socken vor mir. An allen Kleidungsstücken baumeln noch die Preisschilder. Er wurde offenbar aus der Anprobe gerissen. Die Menschen sitzen an Tischen, hocken auf Fensterbänken oder kauern in Gängen. Etliche stehen auf dem Balkon und blicken über die Dächer der Innenstadt. Hubschrauber kreisen über uns, in den Straßen unter uns hört man Martinshörner.

Die Menschen sind geschockt und erschöpft. Sie verhalten sich ruhig. Fast alle telefonieren mit ihren Verwandten oder informieren sich per Smartphone. Ein junger Mann zeigt Umstehenden das Video, das die tödlichen Schüsse im OEZ zeigt. Einige halten sich dabei die Ohren zu, eine Frau deckt das Display mit der Hand ab. Zwei andere Männer versuchen in einem Besprechungsraum den dortigen Fernseher in Gang zu bringen. Irgendwann haben sie n-tv gefunden und beschallen den Raum. Ein älterer Herr mit sonorer Stimme verbreitet jedes Gerücht, das er in den sozialen Netzwerken aufschnappt.

Es ist etwa 20:20 Uhr, ich unterstütze eine KONEN-Mitarbeiterin dabei, Gläser und Getränke auszuteilen. Die Gläser reichen nicht, aber Getränke werden von überall zusammengetragen. Als alle mit Flüssigkeit versorgt sind, frage ich mich, wie es weitergeht. Was ist, wenn einer der Kunden mit der Situation nicht klarkommt und durchdreht oder plötzlich krank wird? Was, wenn den Menschen irgendwann die Akkus ausgehen und sie keine Verbindung mehr zu ihren Familien haben? Mit Twittern lenke ich mich ab. Zum Schutz aller Beteiligten nenne ich dabei aber weder den Namen des Bekleidungshauses noch mache oder poste ich Fotos von der Situation.

222135Bjul16: Endlich frei

Kurz darauf ruft mich die BBC an und bittet mich als Augenzeuge um ein erstes Telefoninterview für BBC Radio 5 live. Anschließend meldet sich BBC World News und bittet ebenfalls um einen O-Ton zur Lage. Ich finde einen leeren Besprechungsraum und werde jeweils ins laufende Programm geschaltet. Gegen 21 Uhr macht die Geschäftsführerin des KONEN eine Durchsage via Lautsprecher und informiert uns, dass die Polizei rät, solange im Geschäft zu bleiben, bis sie Entwarnung geben kann. Außerdem solle niemand an den Fenstern oder auf dem Balkon stehen. Aufgrund der Nachrichtenlage gehe ich davon aus, dass es noch Stunden bis zu einer Entwarnung dauern kann.

So nehme ich das Angebot meines Bruders dankbar an, mich am Personaleingang des Einkaufszentrums mit dem Auto abzuholen. Eine Sicherheitskraft schließt mir die Türen auf und ich kann ins Fahrzeug steigen. Die Innenstadt ist ruhig, wir begegnen keinen Straßensperren. Straßenbahnen und Busse fahren nicht, nur ein Taxi ist zu sehen. Es regnet leicht, es sind verhältnismäßig wenige Fußgänger unterwegs. Wir kommen problemlos überall durch. Das Navi zeigt lediglich auf dem Münchner Autobahnring lebhaften Verkehr. Auf dem Mittleren Ring kommen uns rund ein Dutzend Einsatzfahrzeuge entgegen.

Wieder zuhause, gebe ich noch in der Nacht ein weiteres Live-Interview der BBC über die Lage in der Münchner Innenstadt. Dazu schalteten mich die Kollegen des TV-Senders BBC World News zum Munich Shooting in die Sendung.

Für den kommenden Morgen vereinbaren sowohl BBC Radio 5 live (08:00 Uhr) als auch BBC One Breakfast (09:10 Uhr) Interviews mit mir.

Fazit: Medien sollten operative Hektik meiden

Aus der Retrospektive betrachtet, ist klar, dass es am Freitag zu keinem Zeitpunkt mehr als einen Täter gegeben hat. Somit bestand auch zu keinem Zeitpunkt eine tatsächliche Gefahr für die Menschen in der Innenstadt, die in einem Zusammenhang mit den Ereignissen im rund acht Kilometer entfernten OEZ gestanden hätte. Es hätte also weder Paniken in der Innenstadt geben müssen, noch hätte der Hauptbahnhof evakuiert oder der öffentliche Personennahverkehr gesperrt werden müssen. Es hätten auch keine Menschen stundenlang in Einkaufszentren in der Innenstadt ausharren müssen. Die Einsatzkräfte haben sich dennoch für diese präventiven Maßnahmen entschieden. Weil auch für sie die Lage unübersichtlich war. Das war konsequent.

Es ist sicherlich nicht fair, für die Unübersichtlichkeit der Lage alleine die klassischen Medien verantwortlich zu machen. Vielmehr muss sich jeder Einzelne fragen, ob er mit seinen öffentlichen Bekundungen zur Eskalation oder zur Deeskalation von Lagen beiträgt. Dennoch hatten und haben Medien eine besondere Mitverantwortung. Denn wenn manche Meldung erst einmal sorgfältig verifiziert worden wäre, bevor sie auf Live-Blogs und Apps und damit auf den Smartphones der Münchner landete, dann hätte das Ausmaß der Verunsicherung zumindest deutlich reduziert werden können. Gerade in einer Zeit, in der jeder Mensch wahre, aber auch falsche Nachrichten in die Welt setzen und verbreiten kann, sollten klassische Medien sachlich bleiben, Informationen sorgfältig überprüfen und die operative Hektik anderen überlassen.

Dabei müssen sie sich auch fragen lassen, ob stundenlange Sondersendungen in solchen Lagen wirklich angebracht sind und Mehrwerte bieten. Denn diese Sendezeit will gefüllt sein. Da ist die Versuchung besonders groß, auch Gerüchte unter dem Vorwand in die Sendungen zu heben, man könne sie nicht unerwähnt oder wolle sie von einem fachkundigen Studiogast bewerten lassen. Weniger wäre beim Munich Shooting tatsächlich mehr gewesen. Ich befürchte aber, dass die Verantwortlichen bei den nächsten Anschlägen, die ganz sicher kommen werden, dies wieder nicht berücksichtigen werden.

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