Mein 3. Oktober 1990

Es ist Dienstag, der 2. Oktober 1990. Am frühen Nachmittag mache ich mich mit meinem alten Schulfreund Roland aus Würzburg auf den Weg nach Berlin. Sechs Stunden Fahrt hatten wir kalkuliert. Nach rund zwei Stunden passieren wir die Zonengrenze. Weiter geht es auf Straßen mit Kopfsteinpflaster und auf mit Betonplatten belegten Autobahnen. Die Städte und Dörfer, die wir in der DDR passieren, wirken zum Teil sehr schmutzig und verfallen. Die Luft ist mit einer seltsamen Mischung aus Schwefel und Zweitakter-Abgasen angereichert. Aufgrund der Verhältnisse kommen wir viel langsamer voran als geplant. Mehr als 80 Kilometer in der Stunde können wir nicht zurücklegen. Die Fahrgeräusche in unserem Auto erinnern wegen der breiten Fugen zwischen den Betonplatten stark an das Rattern alter Züge. Ob wir es bis Mitternacht zum Reichstag schaffen?

„Wir sind ein Volk!“

Die Langsamkeit, mit der wir uns ostwärts bewegen, will so gar nicht zu der Geschwindigkeit der Ereignisse der letzten Monate passen. Es sind gerade elf Monate her, als am 9. November 1989 die Mauer fiel, die mich immer mit Wut erfüllt hatte. In den Wochen und Monaten danach wurde aus „Wir sind das Volk!“, dem Protestruf mutiger DDR-Bürger, der Wunsch nach Wiedervereinigung, der sich in den Slogans „Wir sind ein Volk!“ und „Deutschland einig Vaterland“ manifestierte. Vor etwas mehr als einem halben Jahr, am 18. März 1990, fanden in der DDR die ersten freien Volkskammerwahlen statt. Am 1. Juli war die von Thilo Sarrazin konzipierte Währungsunion eingeführt worden. Und just zu meinem Geburtstag vor acht Wochen machte mir das frei gewählte Parlament der DDR ein großes Geschenk ohne es zu wissen: An diesem 23. August 1990 beschloss es nämlich am Ende einer denkwürdigen Sitzung morgens um 2:30 Uhr „den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990“ – und damit die Wiedervereinigung unseres Landes. Und das waren nur einige innenpolitische Meilensteine. Was für ein Tempo!

Ein Land löst sich auf

Kurz nach 23 Uhr passieren wir schließlich die Stadtgrenze Westberlins. Die DDR, in deren Gebiet wir die letzten Stunden tief hineingefahren sind, wird nur noch wenige Minuten existieren. Wir steuern einen großen Parkplatz an, stellen unser Auto ab und machen uns zu Fuß in Richtung Innenstadt. Um 24 Uhr läuten die Glocken, Feuerwerk erleuchtet aus der Ferne den Himmel. Es ist der 3. Oktober 1990! Auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag wird die mit sechs mal zehn Meter größte Deutsche Bundesflagge gehisst (siehe Titelbild). In den Jubel hinein spricht Bundespräsident Richard von Weizsäcker diese Worte:

„Die Einheit Deutschlands ist vollendet. Wir sind uns unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen bewusst. Wir wollen in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen.“

Zusammen mit dem Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, und Mitgliedern des Kabinetts singen Tausende die Deutsche Nationalhymne.

Kaum ein Durchkommen

Wir bekommen das nur aus der Ferne mit. Denn bis zum im jetzt ehemaligen Westberlin gelegenen Reichstag ist kaum ein Durchkommen. Schon auf der Straße des 17. Juni stecken wir fest. Irgendwann nach Mitternacht erreichen wir schließlich das Brandenburger Tor im jetzt ehemaligen Ostberlin. Es ist hell erleuchtet, die Quadriga fehlt, da sie derzeit restauriert wird. Am Rande des Pariser Platzes stehen Mauerreste. Überall Blitzlichter. Jeder will diesen Moment, diese Nacht festhalten. Wir gehen weiter zum Reichstag. Auch er erstrahlt in hellem, feierlichem Licht. Seine im Krieg zerstörte Kuppel fehlt noch immer. Auf dem Platz der Republik sind jetzt nur noch wenige Menschen. Dafür ist der Boden mit Müll übersäht. Kanzleramtsminister Horst Teltschik wird in dieser Nacht notieren „„Überall liegen Scherben herum. Deutschland ist geeint.“ (vgl. Teltschik, Horst: 329 Tage. Innenansichten der Einigung, 1991).

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Zurück durch ein geeintes Land

Auf dem Rückweg ist die Straße des 17. Juni deutlich weniger bevölkert. Dafür reihen sich jetzt dutzende Fahrzeuge der Berliner Straßenreiniger auf und warten offenbar auf ihren Einsatz. Wir begeben uns zurück zum Auto und schlafen ein paar Stunden. Am nächsten Morgen fahren wir in die Innenstadt, besuchen unter anderem das KaDeWe und die Kaiser-Willhelm-Gedächtniskirche. An vielen Ecken gibt es Andenken zum 1. Tag der Deutschen Einheit. Darunter auch T-Shirts. Am Nachmittag dieses 3. Oktobers 1990 fahren wir schließlich wieder zurück. Durch ein jetzt geeintes Deutschland mit 16 Bundesländern.

Fotos: Faust

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