Intersektorale Erfahrung für mehr Effektivität

Intersektorale Erfahrung

Deutsche Führungskräfte in Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft neigen dazu, sich voneinander abzuschotten und kein gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Das ist das Ergebnis der Studie „Jeder für sich und keiner fürs Ganze? Warum wir ein neues Führungsverständnis in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft brauchen“ der „stiftung neue verantwortung e.V.“, über die das Manager Magazin in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Aufgrund meiner Berufserfahrung in den genannten Sektoren widerspreche ich dieser pauschalen Einschätzung: Insbesondere Entscheidungsträger der Investitionsgüterindustrie, deren Unternehmen regelmäßig mit der öffentlichen Hand als Auftraggeber kooperieren und hochqualifizierte wissenschaftliche Fachkräfte rekrutieren, kennen sehr genau die Handlungsspielräume ihrer jeweiligen Partner.

Natürlich werden die Soziologin Jutta Allmendinger, der Personalberater Jörg Ritter sowie der Stiftungsvorstand Tobias Leipprand ihre Studie sorgfältig durchgeführt haben. Und sicherlich stimmt ihr Ergebnis in weiten Teilen, wonach deutsche Führungskräfte abgeschottet in ihren Festungen bleiben, so dass eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Sektoren Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft nicht zustande kommt. Jutta Almendinger nennt im Interview mit dem Manager Magazin dazu folgendes Beispiel: „Würde man sich in der Wirtschaft immer klar machen, dass die Politik in Legislaturperioden denkt, könnten viele Projekte ganz anders aufgesetzt werden. Das gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung.“

Politik und Wirtschaft

In den vergangenen Jahren habe ich in und für Unternehmen gearbeitet, die die öffentliche Hand als großen Auftraggeber haben und sehr wohl die Grenzen politischer Akteure kennen. In diesen Firmen sind Public Affairs Units zur Pflege guter politischer Kontakte sogar seit Jahrzehnten Standard. Gleichzeitig kann ich aus meiner Berufserfahrung im politischen Raum sagen, dass sich auch die Politik grundsätzlich um gute Beziehungen zur Wirtschaft bemüht. Denn die Politiker wissen, dass sie selbst keine Arbeitsplätze schaffen können, sondern für die richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich sind. Außerdem gibt es viele Unternehmer, die sich für die Zivilgesellschaft engagieren und erfolgreich mit der Wissenschaft kooperieren. Intersektorale Kooperation von Führungskräften findet in Deutschland also sehr wohl statt.

Dennoch verschließe ich als jemand, der zwischen den Sektoren gewechselt hat, nicht die Augen davor, dass es auch tief sitzende Vorbehalte gegen Vertreter der jeweils anderen Sektoren gibt: „Politiker und Bürokraten sind träge“, sagen manche Manager, „Manager haben kein Gewissen und verdienen zu viel“, sagen manche Politiker. Auch stimmt sicherlich die Beobachtung, dass trotz aller Bemühungen um Corporate Social Responsibility (CSR) das Engagement der Wirtschaft für die Zivilgesellschaft ausgebaut werden kann. Aber alles pauschal negativ zu betrachten, wird der Realität in unserem Land nicht gerecht.

Intersektorale Führungskultur erforderlich

Dem Fazit der Autoren der Studie, es bräuchte eine gemeinsame, eine intersektorale Führungskultur, schließe ich mich an. Es würde dem gegenseitigen Verständnis dienen, wenn künftig noch mehr Führungskräfte Erfahrung in unterschiedlichen Sektoren sammelten. Dann dürfen wir aber auch nicht die Nase rümpfen, wenn Politiker in die Wirtschaft (Bsp. Roland Koch) oder wenn Manager in die Politik (Bsp. Sebastian Turner) wechselten. Denn am Ende werden derartige intersektorale Lebensläufe, Menschen, die in verschiedenen Welten zuhause sind, der ganzen Gesellschaft gut tun.

Foto: Faust

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