Ich bin so wütend!

Wer sich mit internationalen Beziehungen beschäftigt, dem sind seit Jahrzehnten die Herausforderungen bekannt, welche erwartbare Massenmigrationen nach Westeuropa haben würden. Als junger Außen- und Sicherheitspolitologe habe ich mich vor vielen Jahren im Studium und in der Promotion auch mit diesem Thema befasst. Erschreckend ist für mich, dass die politische Klasse in der Europäischen Union die Prognosen nicht ernst genug genommen hat. Dass sie die lange Zeit nicht genutzt hat, um sich auf die Ereignisse vorzubereiten, die viele Menschen, Gesellschaften, Behörden, Infrastrukturen in Europa derzeit überfordern.

Das führte dazu, dass nunmehr seit Jahren tausende Flüchtlinge elendig in der Wüste verdursten, jämmerlich im Mittelmeer ertrinken, qualvoll in Lastwägen ersticken. Diese Toten hatten alle ähnliche Beweggründe für ihre Flucht –  und sie alle hatten ähnliche Hoffnungen. Mich erschüttern das Schicksal und die Bilder der toten Menschen jedesmal aufs Neue. Zuletzt jene von den gepferchten Leichen im ungarischen Kleintransporter und von dem dreijährigen toten Jungen Aylan am Strand von Bodrum in der Türkei.  Und je mehr ich über das Thema sehe, höre und lese, um so wütender werde ich!

  • Ich bin wütend auf die politisch Verantwortlichen in Europa, dass sie sich von den ansteigenden Flüchtlingsströmen überraschen ließen, dass sie Menschen und Infrastrukturen unvorbereitet ließen, sodass letztlich Millionen Bürger hierzulande verunsichert werden konnten.
  • Ich bin wütend auf die fehlende Solidarität und Hilfsbereitschaft so mancher Staatschefs in Europa. Ihr Umgang mit fliehenden, Not leitenden Menschen ist geprägt vom Sankt-Floriansprinzip und nicht von der christlichen Nächstenliebe unseres Abendlandes.
  • Ich bin wütend auf  jene Zeitgenossen, die keinerlei Mitgefühl gegenüber jenen Menschen aufbringen wollen, denen nur das geblieben ist, was sie am Leib tragen, sondern die lieber Flüchtlingsheime unbewohnbar machen und hasserfüllt gegen Flüchtlinge und die zahllosen wunderbaren Helfer hetzen.
  • Ich bin aber auch wütend auf schlichte Schwarz-Weiß-Maler, die nicht differenzieren und durch ihr Lagerdenken dringend notwendige sachliche Diskussionen über die vielfältigen Aspekte des Themas im Keim ersticken.

Bei der letzten Flüchtlingswelle in den 90er Jahren bin ich als Journalist auch Helfer geworden. Es entstand eine Nähe, die Verständnis weckte. Vielen Helfern geht das so. Ich hoffe sehr, dass wir als Gesellschaft künftig noch mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Flüchtlinge aufbringen werden. Und ich hoffe sehr, dass wir das Verständnis für jene Mitbürger nicht verlieren, die ihr Unbehagen angesichts der aktuellen Ereignisse vernünftig artikulieren. Wir sind mitten in einem großen Change-Prozess. Und weitere werden folgen (Stichwort: Klimaveränderung). Diese Veränderungen können nur mit gegenseitigem Verständnis gelingen.

Dann gibt es hoffentlich auch keinen Grund mehr, über die genannten Punkte wütend zu sein.

Foto: U.S. Navy photo by Mass Communication Specialist 2nd Class Daniel Barker via Wikimedia Commons

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