Die katholische Kirche im Social Web

Das Interesse unter den im Social Web aktiven Katholiken am jüngsten Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. war eher verhalten. Das verwundert insofern, als der Papst sowohl zum 44. Mediensonntag als auch zum diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel die weltweit 1,1 Milliarden Katholiken dazu aufrief, das enorme, vielschichtige Potenzial des Internets sinnvoll zu nutzen. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und veröffentlicht seine Botschaften unter anderem auf Twitter und YouTube. Wie präsentiert sich die katholische Kirche in Deutschland in Social Media? Wie weit ist die Kirche 2.0?

Der Bischof von Osnabrück, Dr. Franz-Josef Bode, äußert sich in diesem Kurzvideo (leider nur via Facebook aufrufbar) über die Kirche als dem ältesten sozialen Netzwerk der Welt.

Apostolische Nuntiatur und Deutsche Bischofskonferenz

Orientiert man sich bei der Bewertung der Präsenz der römisch-katholischen Kirche im Social Web an ihrer Organisationsstruktur, fällt der Blick zunächst auf den Vertreter des Heiligen Stuhls hierzulande, den Apostolischen Nuntius in Deutschland. Dieses Amt wird derzeit von Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset bekleidet. Social-Media-Aktivitäten des Nuntius sind nicht bekannt. Ebensowenig ist die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) als Zusammenschluss der 20 Diözesen bzw. Bistümer sowie der sieben Erzdiözesen bzw. Erzbistümer als Kirche im Social Web vertreten. Allerdings hatte die DBK im Vorfeld des Papstbesuches eine eigene Website für diesen Anlass in Auftrag geben, der auch eine eigene Facebook-Fanpage angeschlossen war. Die Zahl ihrer Fans hat sich während des Papstbesuchs um rund 1.000 Fürsprecher auf 4.645 erhöht.

Kirche 2.0: Bistümer in Deutschland

Während das Social-Media-Engagement der katholischen Führungsebene in Deutschland derzeit nicht der Rede wert ist, tummelt sich die nächste Ebene in unterschiedlicher Ausprägung im Mitmach-Web. So sind aktuell 16 17 der insgesamt 27 (Erz-) Bistümer zumindest auf Facebook oder Twitter aktiv. Einzelne Bistümer unterhalten auch YouTube-Kanäle (zum Beispiel das Bistum Essen) oder haben eigene Blogs. Nachfolgend haben wir den Status Quo der 27 (Erz-) Bistümer in Sachen Kirche im Social Web dokumentiert. Die Reihenfolge ergibt sich aus der alphabetischen Abfolge der sieben KIRCHENPROVINZEN in Deutschland, denen die (Erz-) Bistümer zugeordnet sind. Bei der Auflistung wurden die Aktivitäten offizieller Stellen erfasst, keine sog. Facebook-Gemeinschaftsseiten.

Diözese /
Erzdiözese (ED)
 Katholiken
(abgerundet)
Facebook-
Fans (ca.)
Twitter-
Follower (ca.)
———————————–  ————————–  ————————–  ————————–
BAMBERG
 Bamberg (ED)     717.000  0  0
 Eichstätt     420.000  180  0
 Speyer     575.000  0 480
 Würzburg     814.000  210  0
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BERLIN
 Berlin (ED)     390.000  470  110
 Dresden-Meißen     139.000  40  60
 Görlitz       28.000  0  0
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FREIBURG
 Freiburg (ED)  1.984.000  910  760
 Rottenburg-Stuttgart  1.900.000  0  0
 Mainz  759.000  860  200
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HAMBURG
 Hamburg (ED)     389.000  400  0
 Hildesheim     619.000  0  0
 Osnabrück     572.000  620  0
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KÖLN
 Köln (ED)  2.090.000  170  0
 Aachen  1.122.000  160  0
 Essen     866.000  0  720
 Limburg  655.000  700  1.400
 Münster  1.974.000  0  0
 Trier  1.484.000  750  1.100
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MÜNCHEN-FREISING
 München-Freising(ED)  1.772.000  0  0
 Augsburg  1.360.000  870  0
 Passau  490.000  0  270
 Regensburg  1.242.000  200  0
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PADERBORN
 Paderborn (ED)  1.624.000  0  0
 Erfurt  154.000  0  0
 Fulda  409.000  0  0
 Magdeburg  88.000  0  0
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GESAMT  24.636.000  6.540  5.100

Pfarreien, Orden und Hilfswerke

In den 27 (Erz-) Bistümern gibt es 11.524 Pfarreien (Stand 2010). Deren Social-Media-Aktivitäten müssen in der vorliegenden Betrachtung aufgrund der Menge ebenso unberücksichtigt bleiben wie die der Orden und geistlichen Gemeinschaften, in denen rund 4.500 Ordensmänner und etwa 21.000 Ordensfrauen u.a. in Lehrberufen, der Kranken- und Altenpflege tätig sind. Dagegen können wir einen Blick auf das Engagement der katholischen Hilfswerke als Kirche im Social Web werfen. So hat die Bischöfliche Aktion Adveniat auf Facebook derzeit 411 Fans. Caritas International konnte auf Facebook zwar 4.178 Fürsprecher gewinnen, aber auf der Pinnwand wird (noch?) nichts gepostet. Dafür twittert die katholische Hilfsorganisation eifrig mit fast 2.000 Followern und veröffentlicht Videos in ihrem YouTube-Kanal. Das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ zählt mit einem Spendenaufkommen von über 70 Millionen Euro im Jahr zu den größten katholischen Hilfswerken. Es spricht explizit junge Menschen an und hat auf Facebook knapp 1.000 Fans. Weitere Hilfswerke sind Misereor (ca. 1.500 Facebook-Fans), Missio (ca. 400 Faceboook-Fans, ca. 700 Twitter-Follower, YouTube-Kanal), Renovabis für Mittel- und Osteuropa (ca. 220 Facebook-Fans, ca. 270 Twitter-Follower, Flickr-Accout) und das Bonifatiuswerk, das als einziges katholisches Hilfswerk bislang nicht in den sozialen Medien vertreten ist.

Katholische Organisationen und Einzelpersonen

Was den Rahmen ebenfalls sprengen würde, wäre eine Betrachtung des Social-Media-Engagements jener sechs Millionen Katholiken, die in den 120 katholischen Verbänden, Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, Säkularinstituten sowie Aktionen, Sachverbänden, Berufsverbänden und Initiativen organisiert sind. Dazu zählen zum Beispiel die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) mit ihren 600.000 Mitgliedern und der Sportbund Deutsche Jugendkraft (DJK), aus der zum Beispiel der NBA-Star Dirk Nowitzki entstammt.

Gerne greifen wir aber noch exemplarisch das Engagement katholischer Einzelpersonen als Kirche im Social Web heraus. Da wäre etwa der Kapuziner Paulus Terwitte aus Frankfurt am Main. Als „Bruder Paulus“ konnte er bislang über 1.700 Facebook-Fans begeistern und über 1.300 Follower auf Twitter hinter sich scharen. Darüber hinaus pflegt er einen Predigt-Podcast und ist häufig Gast in Radio- und TV-Sendungen.

Weniger prominent hierzulande, dafür mit fast dreifach höherer Twitter-Gefolgschaft (ca. 3.440) kommuniziert der Benediktiner Abt Martin Werlen. Er ist Oberhaupt des in der Zentralschweiz gelegenen Klosters Einsiedeln, des wichtigsten Marienwallfahrtsortes des Landes. Abt Martin ist viel unterwegs und lässt seine Follower an seinem ereignisreichen Leben teilhaben.

Fazit: Ein Zwischenstand

Die 24,6 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche in Deutschland entsprechen einem Anteil von 30,2 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Bezogen auf die 1,1 Milliarden starke katholische Weltkirche bilden sie einen Anteil von 2,2 Prozent. Nicht zuletzt aufgrund der Missbrauchs-Skandale hat die katholische Kirche in Deutschland ein gravierendes Imageproblem. Allein 2010 musste sie 180.000 Kirchenaustritte verzeichnen. Spätestens jetzt hat sie als Organisation allen Grund, in einen aktiven Dialog mit ihren Mitgliedern zu treten, um Vertrauen wieder aufzubauen und zu festigen. Gerade junge Menschen erreicht sie dabei auch und vor allem über soziale Netzwerke (fast 100 Prozent aller unter 30-Jährigen in Deutschland sind im Social Web). Über die Hälfte der (Erz-) Bistümer nutzt diese moderne Form der Kommunikation bereits – allerdings mit deutlichem Optimierungspotenzial hinsichtlich der Strategie und Dialog-Intensität. Andere probieren noch aus oder scheuen gänzlich die damit verbundenen (Mehr-) Arbeit. So fällt zum Beispiel auf, dass die Kirchenprovinz Paderborn mit immerhin über zwei Millionen Katholiken derzeit noch komplett auf Dialoge via Social Media verzichtet.

Dieser Beitrag bildet einen Teil des Status Quo eines laufenden Prozesses ab. Die katholische Kirche hat grundsätzlich das Potenzial für Kirche im von Social Web erkannt. Ein einheitliches Vorgehen der Bistümer in dieser Sache gibt es bislang nicht. Allerdings ist genau dies von einigen Kommunikations-Experten der Kirche als Herausforderung erkannt worden. Sie haben sich zur Initiative „Kirche im Web 2.0“ zusammengeschlossen und veranstalten im Oktober in Bonn ein Barcamp zum Thema. Wir bleiben dran und werden weiter darüber informieren.

Wer weitere Beispiele für Aktivitäten der katholischen Kirche im Social Web hinzufügen mag, kann dies gerne über die Kommentarfunktion tun.

Foto: Faust

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