Crowdfunding für den Wiederaufbau

Crowdfunding

Was wäre, wenn es die sozialen Medien in ihrer heutigen Form schon vor Jahrzehnten gegeben hätte? Bei 9/11 hätten die Social Media Segen und Fluch bedeuten können. Und nach dem zweiten Weltkrieg hätte man sie zur Crowdfunding-basierten Finanzierung des Wiederaufbaus nutzen können. Das ist keinesfalls abwegig, wie das historische Crowdfunding-Beispiel der Hauptstadt des bayerischen Regierungsbezirks Unterfranken zeigt. Würzburg wurde durch die massive Bombardierung am 16. März 1945 und in den Kämpfen bis zum Fall der Stadt am 6. April 1945 zu 90 Prozent zerstört – mehr als Dresden. Rund sechs Wochen später, am 1. Mai 1945, startete der neue Oberbürgermeister der Stadt, Gustav Pinkenburg, eine Spendenaktion, die auf der größten deutschsprachigen Crowdfunding-Plattform Startnext so hätte aussehen können wie in der Fotomontage oben und im nachfolgenden Text dargestellt. Die unten stehenden Fragen sind an Startnext angelehnt, die Antworten weitgehend (kursiv markiert) dem Originalaufruf des damaligen Oberbürgermeisters entnommen. Ein Vorbild für Aleppo, Luhansk und andere Städte in Krisen- und Kriegsgebieten?

Worum geht es in diesem Projekt?

„Würzburg ist nicht mehr! Unsere alte Stadt Würzburg, weithin bekannt durch die einzigartige Schönheit ihrer Lage am rebenbekränzten Main, […] ist heute eine Ruine, ein trostlos ausgebrannter Trümmerhaufen. Die herrliche Residenz, unsere stolzen Kirchen, die stillen träumerischen Winkel mit prächtigen Madonnenbildern und gemütvollen Weinstuben, die Schöpfungen eines Balthasar Neumann, eines Tiepolo und Riemenschneider, alles ist seit dem 16. März 1945 vernichtet, für immer oder jammervoll verstümmelt – eine furchtbare Anklage gegen die, die in verbrecherischem Wahnsinn bewusst den Untergang der Stadt herbeigeführt haben. Blühendes Geschäftsleben ist ausgelöscht; fleißiges Bürgertum um Haus und Habe gebracht; arm und obdachlos sind Hunderttausend geworden.“

Was sind die Ziele und wer die Zielgruppe?

„Und dennoch: Würzburg ist nicht tot, Würzburg muss leben, Würzburg muss neu entstehen! Tapfere Männer und Frauen trotzten dem Feuersturm und blieben, den sinnlosen Befehl ihrer feigen Führung verachtend, in den Überresten der Stadt. Sie blickten sich an und ballten die Faust, sie griffen zu und mit unerhörtem Erhaltungswillen gingen sie daran, aus dem Schutt ihr neues Heim zu bauen, Wirtschaft, Verwaltung und Verkehr wieder in Gang zu bringen. Arm sind wir alle, aber nicht mutlos; der Überfluss von ehedem ist abgelöst von Entbehrung und Hunger, aber eisern ist der Wille in jedem Würzburger. Wir wollen leben, wir lassen uns nicht unterkriegen, wir bauen auf!“

Warum sollte man das Projekt unterstützen?

„Nicht nur Hände und mutiger Wille sind not, sondern auch Geld als befruchtender Motor für die vor uns liegende riesige Aufbautätigkeit. Und hast Du alles verloren:

Dein Pfennig ist wertvoller als die von einem verkrachten Regime erpresste Spende des Millionärs!

In einem neu angelegten „Ehrenbuch der Stadt Würzburg“, das ich persönlich führe und das unendlich wertvoller ist als das in Asche verwandelte „Goldene Buch der Stadt Würzburg“, der ausgelöschten Stadt, das nur prominente Namen und Größen enthält, kann sich jeder Einzelne eintragen. […] Jede einzelne Person wird mit dem Spendenbetrag in dieses Ehrenbuch eingetragen. […] Mitbürger, fränkische Landsleute! Denkt daran, was Würzburg uns allen war, und dass es sich wieder aus Schutt und Asche erheben muss. Ihr habt Schweres, Allerschwerstes erduldet und bedürft deshalb tatkräftiger Hilfe von allen Seiten. Das tausendjährige Würzburg darf nicht mit dem 16. März 1945 ins Grab gesunken sein, es muss neu entstehen. Mit dem heutigen Tag beginnt ein neues Blatt in unserer Geschichte. Tragen Sie sich alle als Gast in das neue „Ehrenbuch der Stadt Würzburg“ ein. Alle Behörden, öffentlichen Körperschaften, Firmen, insbesondere alle Banken, Bürgermeister, Pfarrämter usw. bitte ich, die Einträge für das „Ehrenbuch der Stadt Würzburg“ entgegen zu nehmen und die Spenden auf Konto 1500 der Städtischen Sparkasse Würzburg zu überweisen. Beweisen Sie alle durch die Tat Ihre Treue zu unserem heißgeliebten Würzburg!“ – Soweit der Aufruf von Gustav Pinkenburg.

Was passiert(e) mit dem Geld?

Vor 20 Jahren hatte ich Gelegenheit, das erwähnte Ehrenbuch im Archiv der Stadt Würzburg einzusehen. Demnach wurden vom 12. Mai 1945 bis zum 16. März 1946 genau 1.355.537,09 Reichsmark gesammelt. Das Geld stammte von Privatpersonen (angefangen bei einer Reichsmark) und Firmen, aber auch aus Erlösen von Sportfesten, Fahrradwachen (!), Bußgeldern sowie Spenden von 542 Gemeinden des Landkreises und des übrigen Regierungsbezirkes. Allein diese Kommunen steuerten via Crowdfunding auf diese Weise 741.404,99 Reichsmark für den Wiederaufbau der Bezirkshauptstadt bei. In einem zweiten Band des Ehrenbuchs sind die Abhebungen dokumentiert. So flossen beispielsweise eine Million Reichsmark in den Wiederaufbau des Rathauses, 120.000 RM in eine Stiftung und 100.000 RM in die Wiederherstellung des zerstörten Domes.

Wer steht hinter dem Projekt?

Hinter dem Projekt stand der damals 59-jährige gelernte Verwaltungsfachmann Gustav Pinkenburg. Er wurde am 4. April 1945 von der amerikanischen Militärregierung als Chef der zunächst provisorischen Stadtverwaltung eingesetzt. Pinkenburg trug sich als erster in das von ihm gestartete Crowdfunding-Projekt für den Wiederaufbau der Stadt ein und spendete 10.000 Reichsmark. Am 6. Juni 1946 musste er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen. Zwölf Jahre später starb Pinkenburg.

Wiederaufbau mit Crowdfunding 1945

Über 200 viermotoriger Avro Lancaster-Bomber und einige de Havilland Mosquito der No. 5 Bomber Group der Royal Air Force erzeugten am späten Abend des 16. März 1945 mit fast 1.000 Tonnen Bombenfracht einen tödlichen Feuersturm in der kleinteiligen, mittelalterlich geprägten Stadt. 17 Minuten dauerte der Angriff. Dabei wurde das Leben von 5.000 Kindern, Frauen und Männern ausgelöscht. Bis heute läuten fast alle Glocken der Stadt an jedem 16. März von 21.25 Uhr an für die Dauer des damaligen Angriffs. Die Main-Post hat vor einigen Tagen eine beeindruckende Multimedia-Reportage des 16. März 1945 von Autor Roland Flade online gestellt, aus der auch das nachfolgende Video stammt.

Die Zerstörung Würzburgs war so stark, dass es Überlegungen gab, die Stadt nach dem Krieg an anderer Stelle neu zu errichten. Doch durch besagte Crowdfunding-Aktion sowie durch ihr zupackendes Engagement und öffentliche Fördermittel gelang es den Bürgern, ihre Stadt an alter Stelle wieder aufzubauen. Auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es Städte, deren Bewohner durch Krieg getötet und deren Häuser zerstört werden. Ein Beispiel aus den 90er Jahren ist Sarajevo, wie meine Bilder einer zerstörten Stadt zeigen. Jüngere Beispiele sind unter anderem Städte im Gazastreifen, Aleppo in Syrien oder Luhansk im Osten der Ukraine. Internationale Geberkonferenzen beschließen in solchen Fällen in der Regel die Finanzierung des Wiederaufbaus. Crowdfunding-Aktionen für diesen Zweck sind dagegen nicht bekannt.

Wiederaufbau mit Crowdfunding heute

Allerdings gibt es durchaus Crowdfunding-Plattformen, auf denen Bürger öffentliche Parks, Schwimmbäder oder Kulturveranstaltungen in ihren Städten mitfinanzieren können. Die Bereitschaft, sich für Projekte in der Kommune finanziell zu engagieren, ist zum Beispiel in den USA besonders ausgeprägt und hat dort eine lange Tradition. Entsprechende Spezial-Plattformen sind etwa Citizinvestor, neighbor.ly oder IOBY (In Our Back Yard). Und natürlich werden auch auf der größten internationalen Crowdfunding Plattform Kickstarter kommunale Spendenprojekte ins Leben gerufen. Zwar gibt es dort noch keine Kategorie „Civic“, aber entsprechend getagte Projekte. Vielleicht kann die „analoge“ Spendenaktion von Gustav Pinkenburg vor 70 Jahren Anstoß für entsprechende digitale Crowdfunding-Projekte sein, damit Städte in Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebieten schneller wieder für die Menschen aufgebaut werden können.

Fotomontage: Faust (Hauptbild: By USAAF (www.luftbilddatenbank.de) [Public domain], via Wikimedia Commons)

1 Comment

  • Thomas sagt:

    Letztendlich kann durch Crowdfunding tatsächlich einiges erreicht werden und tolle Projekte auf die Beine gestellt werden. Mittlerweile ist dies für viele eine gute Finanzierungsalternative. Mit der richtigen Idee lassen sich einige viele Geldgeber finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.