Der Postminister als „Verwerfer“ der Bahnpost

Das Wochenende ist am Freitag um 22:25 Uhr erst ein paar Stunden alt. Auf dem Würzburger Hauptbahnhof ruht das sonst übliche Treiben. Nur ganz hinten am Gleis 8 bewegen sich kleine gelbe Käfige auf Rädern, gezogen von Elektromobilen oder geschoben von Männern in blauen, ausgewaschen Kitteln. Die Käfige werden voneinander abgekoppelt und an die offenen Tore eines dunkelgrünen Postwaggons gerollt. „Hepp!“ Der erste ockerne Stoffsack fliegt in den ,,518000-95010-6 Post mrz“. Vor fünf Minuten ist dieser Zug der Bahnpost aus Nürnberg gekommen. In 21 Minuten fährt er weiter nach Hamburg. Wie immer. Nur eines ist diesmal anders: Der Bundesminister für Post und Telekommunikation, Dr. Wolfgang Bötsch, fährt in einem angekoppelten Großraumwagen bis Hannover mit. Der Präsident der Direktion Postdienst in Nürnberg, Joseph Süß, sowie zahlreiche Beamte, Gewerkschafter und Journalisten begleiten ihn.

Um 22:57 Uhr ertönt das Signal zur Weiterfahrt nach Fulda. Die Besatzung des A/Bp 9w Würzburg Expr D 39288 hat in Würzburg gewechselt und beginnt nun die Beutel, wie die Säcke im Postjargon genannt werden, nach Ortschaften zu sortieren. Etwa neun Tonnen Briefe, Päckchen etc. haben sie heute geladen. „Wir haben aber auch schon 20 Tonnen gehabt“, erklärt Dienstleister Josef Hammer. Er muss laut reden, denn bei 140 Kilometern in der Stunde rüttelt es den Waggon mit seinen Holzregalen und Sack-Haltevorrichtungen an den Wänden und mit den metallischen Rohrgestängen unter der Decke ganz schön durch. Es ist laut in diesem Abteil.

Zustellung ein Tag nach Einlieferung

Die Damen und Herren im Großraumwagen haben mittlerweile ihre Mäntel abgelegt, im Gepäck verstaut und auf den roten, gepolsterten Sitzen Platz genommen. Der Minister begrüßt seine Fahrgäste und erklärt, warum er diesmal selbst mitfährt: „Beim letzten derartigen Gespräch Mitte Dezember, als schon in der Zeitung stand, dass ich möglicherweise Postminister werde, da habe ich gesagt, ich weiß nicht, ob ich es werde. Aber wenn, dann fahre ich mit euch einmal von Würzburg nach Hannover.“ 14 Tage nach seinem Dienstantritt löst er dieses Versprechen nun ein.

23:30 Uhr. In 15 Minuten hält der Zug in Fulda. Bis dahin haben Josef Hammer, Franz-Josef Schlagmüller, Kurt Martin, Georg Weber und Thomas Steinruck eigentlich noch alle Hände voll zu tun. „E + 1″ heißt nämlich die Devise der Post: Zustellung einen Tag nach Einlieferung. Doch ausgerechnet jetzt wird der Minister hereingeführt: „Das ist der Laderaum.“ Alfred Weißenseel von der Bahnpost-Dienststelle Würzburg erklärt. „Die Bahnpost transportiert auch Schnellsendungen hier oben“, dabei deutet er auf das metallene Rohrgestänge unterm Dach.

Dann führt er weiter zu den offenen Beuteln, die in Dreierreihen auf dem Gang auf Hüfthöhe aufgehängt sind. An jedem heftet eine andere Postleitzahl. Ihnen gegenüber hängen kopfüber Postsäcke. Sie werden umgedreht aufgehängt und dann geöffnet. So ist sichergestellt, dass jede Briefsendung auf den darunterliegenden Tisch fällt und in die offenen Beutel „verworfen“ werden kann. Seit 1959 ist Georg Weber schon bei der Bahnpost. Er ist heute „Verwerfer“ und soll sich jetzt für ein Foto neben den Minister stellen. Die Erläuterungen von Alfred Weißenseeel gehen im Blitzlichtgewitter und im Rattern des Waggons unter. Der Minister zeigt sich beeindruckt vom Ablauf und von der „ganz, ganz schwierigen Arbeit“.

Immer wieder Zeit für Gespräche

Weil Fulda immer näher rückt, muss Dienstleiter Hammer jetzt bitten, dass der Gästetross den engen Waggon verlässt. „Sie können ja später wiederkommen.“ In Fulda hat der Zug, der normalerweise nur aus Gepäckwagen der Bundesbahn und aus dem Waggon der Bundespost besteht, 22 Minuten Aufenthalt. Das ist auch nötig, denn die Post lässt einen weiteren Waggon aus Richtung Basel anhängen. Post und Bahn arbeiten gut zusammen. „Wir sind der größte Kunde der Bahn“, erklärt der Würzburger Postdienst-Pressesprecher Werner Scheller. Dafür zahlt die Post auch etwa 1,10 Mark pro Achse und Kilometer an die Bahn. In Umkreisen von rund 100 Kilometer um Postumschlagstellen benutzt der Postdienst aus Wirtschaftlichkeitsgründen allerdings eigene Lkw.

Im Großraumwagen ist jetzt Zeit für Gespräche. Minister Bötsch steht den Journalisten Rede und Antwort. Die neuen Postleitzahlen, die zweite Stufe der Postreform, das dritte Funknetz, alles interessiert. Anschließend gibt es ein paar Häppchen zu essen und etwas gegen den Durst. „1957 war ich in Hannover beim Länderspiel gegen Ungarn.“ Der Fußballfan Bötsch erinnert sich gegen Mitternacht an die Stadt, die er in etwa drei Stunden erreicht. „Uwe Seeler hatte 1954 in Hannover sein erstes Länderspiel gemacht.“ Kurz darauf, um 0:07 Uhr, hält der Zug für 19 Minuten in Göttingen. Der Präsident der Direktion Postdienst Hannover, Wolf-Dieter Filter, steigt zu. Auf dem Bahnsteig liegen mehrere Zentimeter Schnee.

Um 0:35 Uhr besucht der Minister erneut die Postwagen. Nach Fulda sind mit dem zweiten Waggon fünf weitere Postler aus Hamburg mit auf der Reise. Die Würzburger Kollegen überreichen dem Minister einen tönernen Bierkrug. Auf dem Deckel haben sie „Würzburg-Hamburg Ex 39288/5. Februar 1993“ eingravieren lassen. Dann muss Bötsch eine Reihe von vorbereiteten Briefen und Postkarten unterschreiben. Dazu gibt es den speziellen Stempel der Bahnpost. Anwesende Briefmarkensammler bekommen leuchtende Augen. Schließlich soll sich der Minister auch noch in den Reisebericht eintragen. Wieder werden Fotos gemacht. Diesmal überwiegend fürs Familienalbum.

Angst um die Würzburger Bahnpost

Die letzte Station vor Hannover ist Kreiensen. Um 2:02 Uhr fährt der Zug ein. Sechs Minuten Zeit, um die Post aus West (Richtung Paderborn) und Ost (Richtung Braunschweig) aufzuladen. Um 2:08 Uhr geht es weiter. Nun nutzen die Gewerkschafter die verbleibende Zeit, um mit dem neuen Minister ein paar Minuten ganz allein zu reden. Sie entführen ihn ins hintere Ende des Postwagens und tragen ihre Sorgen vor. Sie haben Angst um den Erhalt der Bahnpost in Würzburg und damit um 146 Arbeitsplätze mit 215 Beschäftigten. Wolfgang Bötsch hört aufmerksam zu. Versprechen kann er nichts. Aber er sagt zu, sich weiterhin zu bemühen.

Um 2.51 Uhr fährt der Expr D 39288 auf Gleis 7 im Hauptbahnhof von Hannover ein. Minister Bötsch und die anderer Gäste können sich jetzt ein paar Stunden Schlaf gönnen. Die Schicht der Bahnpostler im Zug dauert noch bis um 5:43 Uhr. Dann erreichen sie Hamburg. Am Abend geht es dann um 19:30 Uhr wieder zurück in Richtung Würzburg.

Foto: Hans Heer (v.l.: Josef Süß, Dominik Faust, Wolfgang Bötsch)

*Der vorliegende Text wurde am 08. Februar 1993 von der Mediengruppe Main-Post gedruckt veröffentlicht. Als Blogpost wurde er hier im Mai 2016 nachträglich hinzugefügt.

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