Aus dem Silicon Valley kommt nichts Gutes

Silicon Valley

Um es gleich vorweg zu sagen: Man muss das Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese (Knaus Verlag, 19,99 Euro) nicht lesen. Dann allerdings sollte man sich tunlichst anderweitig über die „imperialen Digitalmonopole“ informieren, wie sie Frank Schirrmacher einst nannte. Wer jedoch Keeses Ausführungen über die Marktmacht von rein technisch zentrierten Internet-Monopolisten liest, erhält einen umfassenden Einblick. Denn der Autor spannt den Bogen von seinen reichhaltigen Erlebnissen im Silicon Valley bis hin zu philosophischen und sozialkritischen Betrachtungen, wie sie unter anderem in der Digital-Debatte der FAZ reflektiert werden. Und sehr schnell wird klar, dass der Untertitel seines Buches („Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“) nicht nur als Verheißung zu interpretieren ist, sondern vor allem als Warnung.

Blaupause für Springers Digitalstrategie

Christoph Keese hat im vergangenen Jahr im Auftrag seines Arbeitgebers Axel Springer SE sechs Monate in Kalifornien verbracht. Seine Frau und die Kinder nahm er auf eigene Kosten mit.  Nach seiner Rückkehr verfasste er das Buch. Wäre es einige Jahre früher erschienen, hätte man es als Blaupause für Springers Digitalstrategie heranziehen können. Denn der Ökonom und Journalist Keese beschreibt sehr anschaulich die Beißlust vieler Digitalunternehmen im Silicon Valley, mit der sie Geschäftsmodelle etablierter Unternehmen auf der ganzen Welt angreifen. Zwar nennt er explizit die Deutsche Telekom (sie könnte seiner Meinung nach von Facebook übernommen werden), die Deutsche Post (Übernahme durch Amazon) und Volkswagen (Übernahme durch Google) als Beispiele. Doch auch für Presseverlage bestehen entsprechende Risiken. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Springer die „disruptive Innovation“ selbst in die Hand nimmt und seit einigen Jahren seinen Digitalisierungskurs konsequent vorantreibt.

Auch die Durchsetzung des Leistungsschutzrechts und die Attacke Springers gegen das Google Monopol sind für interessierte Leser logische Konsequenzen. So berichtet Keese in seinem neuen Buch vom Besuch einer Delegation des Weltzeitungsverbandes WAN-IFRA im Jahre 2010 bei Google in Mountain View. Es sollte über die faire Behandlung von Wettbewerbern in Suchmaschinenergebnissen verhandelt werden. Schon damals lautete jedoch das Credo des Monopolisten, dass alle Informationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssten. Datenschutz und Urheberrecht hätten hinter dem Recht der Öffentlichkeit auf Information zurückzustehen. Kein Wunder, dass bereits diese Verhandlungen zwischen Zeitungsverlagen und Google vor vier Jahren scheiterten. Dabei hat der Nährboden, auf dem Firmen wie Google und Facebook in den letzten Jahren im Silicon Valley gedeihen konnten, durchaus Potenzial für viel Positives. Blicke in die Geschichte, die Christoph Keese in sein Buch immer wieder einstreut, machen das deutlich:

Offen, Service-orientiert, Marketing-affin

Wer wie er schon in den 80er Jahren als junger Mensch eine Zeit lang in den USA gelebt hat, hat die Freiheit, Offenheit, Mobilität und Risikokultur der Amerikaner schätzen gelernt. Vielleicht haben sie ihn sogar geprägt. Ich selbst erinnere mich noch sehr gut an meine Reisen durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den 80ern. In den Monaten, die ich – ausgehend von meinem familiären Stützpunkt in Texas – zwischen Tennessee im Osten und Kalifornien im Westen verbrachte, faszinierte mich insbesondere der Service-Gedanke vieler Amerikaner. Der war nicht nur im Dienstleistungssektor sehr ausgeprägt, dem damals größten und am schnellsten wachsenden Wirtschaftssektor der Vereinigten Staaten. Ebenso beeindruckte mich das, was die Amerikaner in Sachen Marketing und Werbung auf die Beine stellten. Es war hinsichtlich der Qualität und der Quantität so meilenweit von dem entfernt, was ich aus Deutschland kannte. Schätzungen zufolge arbeiteten damals 30 bis 50 Prozent der Erwerbstätigen in den USA in einem Teilbereich des Marketings. 1981 wurden dort 60 Mrd. Dollar für Werbung ausgegeben. Aufgrund der seinerzeit schon wachsenden elektronischen Medienvielfalt kamen Durchschnittsamerikaner täglich 1.500 Mal mit Werbebotschaften in Berührung.

Wechselwirkung zwischen Marketing und Medien

Diese Wechselwirkung zwischen Marketing und Medien war in den USA der 80er Jahre täglich, ja minütlich eindrucksvoll nachzuvollziehen. In Deutschland konnten wir das damals nach der Einführung des dualen Rundfunksystems aus öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern zwar auch erleben. Doch in den USA hatte das noch eine ganz andere Dimension. Im TV-Bereich kamen seinerzeit zu den „Big Three“, also CBS, ABC und NBC, neue Sender wie CNN von Rupert Murdoch und Fox von Ted Turner hinzu. Rasch verbreitete sich in den USA zu jener Zeit das Kabelfernsehen mit zahlreichen Spartenkanälen.

Unvergessen sind die damals schon modernen Nachrichtenstudios, in denen etwa Peter Jennings für ABC News moderierte, oder die in Deutschland damals noch gänzlich unbekannten Late Night Shows mit Gastgebern wie den legendären Johnny Carson („The Tonight Show“) und David Letterman, beide von NBC. Während wir in Deutschland amerikanische TV-Sendung wie „Dallas“ werbefrei sahen, wurde diese und andere Formate in den Vereinigten Staaten regelmäßig durch Werbepausen unterbrochen. Auch Talkshows wie die der damals noch jungen Oprah Winfrey blieben nicht ohne Unterbrechungen. Übrigens konnte die Ausstrahlung eines 30-Sekunden-Werbespots damals schon über 200.000 Dollar kosten.

Miniaturisierung der Elektronik im Silicon Valley

Dieser Boom des Marketings und der Medien in den 80er Jahren wurde nicht zuletzt durch die anhaltende Miniaturisierung elektronischer Bauteile ermöglicht. Zu den Keimzellen dieser Entwicklung gehörten bereits in den 50er Jahren Firmen wie Shockley Semiconductor Laboratory und Fairchild Semiconductor. Sie entwickelten im südlich von San Francisco gelegenen Santa Clara Valley Halbleiter auf der Basis von Silicium. Damit waren sie quasi Taufpaten des seit den 70er Jahren geläufigen Begriffs „Silicon Valley“. Ehemalige Mitarbeiter von Fairchild Semiconductor gründeten 1968 den Halbleiter-Hersteller Intel. Im Örtchen Mountain View stellte der Konzern in den 80er Jahren die Produktion von dynamischen Arbeitsspeichern (DRAM) auf Mikroprozessoren um. Ein Grund dafür war der Erfolg von IBM mit ihren PCs. Ebenfalls erfolgreich in den 80er Jahren waren die Mikro- oder Heimcomputer, die zum Teil Intel-Prozessoren verwendeten. Marktführer war die US-Firma Commodore aus Pennsylvania mit ihrem C64. Zu Beginn der 80er Jahre hatten bereits acht Millionen Amerikaner Heimcomputer im Gebrauch. Firmen wie Intel trugen dazu bei, dass sich im neuen Wunderland Kalifornien weltweit die höchste Dichte an Elektronikfirmen etablierte. Schon damals war dieses Bundesland mit 23 Millionen Menschen das bevölkerungsreichste in den USA und der Inbegriff für Freiheit, Unabhängigkeit, Offenheit, Mobilität und Risikofreude. Es enthielt, gerade im Silicon Valley, Potenzial für viel Positives.

Explosives Gemisch aus Geist und Geld

Genau auf diesen fruchtbaren Boden sammelte sich in den 90er und 2000er Jahren eine neue Generation von Ingenieuren und Programmierern. Sie wollten die Gesellschaft durch digitale Innovationen, durch innovative Disruption verändern bzw. weiterentwickeln. Es entstand das, was der ehemalige US-Austauschschüler Christoph Keese in seinem Buch ein „explosives Gemisch aus Geist und Geld“ nennt. Es wird einerseits gespeist durch einen ausgeprägten Technik-Kult, durch ein Denken in digitalen Plattformen. Dabei gilt: Je schwieriger die technische Lösung eines Problems ist, desto höher sind die potenziellen Renditen, wenn die Lösung gelingt.

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Disruptive Innovationen wurden auch den San Francisco Cable Cars zum Verhängnis. Sie wurden weitgehend durch elektrische Straßenbahnen und später Busse ersetzt. Seit den 80er Jahren fahren nach Investitionen in Millionenhöhe die Cable Cars noch auf drei Linien. Foto: Faust

Anders als noch im Industriezeitalter, als zum Beispiel die San Francisco Cable Cars nach einer innovativen Disruption zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch elektrische Straßenbahnen ersetzt wurden, müssen diejenigen, die im heutigen Digitalzeitalter Lösungen entwickeln, nicht mehr unbedingt studierte Ingenieure sein. Zumindest wenn es nach dem Gründer der Sicherheitsfirma Palantir, Alex Karp, geht. Der Deutsche im Silicon Valley sagte zu Christoph Keese:

Man muss keinen Abschluss haben, um ein Ingenieur zu sein. Ingenieur ist kein Studium, sondern eine Geisteshaltung.

Zu diesem Technik-Kult kommt im Silicon Valley die fast zwangsläufige Bildung von Internet-Monopolisten. Denn je mehr Nutzer Online-Plattformen bzw. soziale Netzwerke haben, desto wertvoller werden sie für alle Nutzer und Stakeholder. Christoph Keese nennt das den Netzwerkeffekt, den der ehemalige Präsident von Bell Telephone, Theodor Vail, erfunden habe. Nutznießer des Netzwerkeffektes seien Internetfirmen wie Google, Apple, Facebook und Amazon, die laut Keese „eine unheimliche Größe“ erreicht hätten. Allein dadurch seien sie „veritable Mächte mit Herrschaftsanspruch und politischem Gestaltungswillen“. Und hinter ihnen stünde Monopolkapital in den Händen von Unternehmern, die sich anderen gegenüber überlegen fühlten und Andersdenkenden wenig Toleranz entgegen brächten.

Keine Rücksicht auf Verluste

Diese Rücksichtslosigkeit geht sogar so weit, dass Internet-Monopolisten ernsthaft darüber nachdenken, eigene Staaten zu gründen, gleichsam die Vereinigten Staaten von Google und Co. Dazu gehört zum Beispiel Tim Draper, ehemaliger Shareholder von Hotmail und Skype. Er möchte Kalifornien mittels Referendum („Six Californias“) 2016 in sechs Kleinstaaten teilen. Einer davon wäre Silicon Valley mit San Francisco. Randolph Hencken, Leiter des privaten Seasteading Institute im kalifornischen Oakland, geht noch einen Schritt weiter. Er möchte auf den Ozeanen schwimmende, völlig eigenständige Inselstaaten errichten. Technologie könnte dort politische Strukturen, Regeln und Institutionen ersetzen. Man darf davon ausgehen, dass dann Themen wie Datenschutz und Urheberrecht, aber auch Werte wie Toleranz einen anderen Stellenwert einnehmen werden als in bestehenden westlichen Demokratien.

Fazit

Das Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese ist ein lebhafter und mit Leidenschaft verfasster Beitrag zur Debatte über die künftige Verfassung der digitalen Gesellschaft. Mit zahlreichen Beispielen angereichert, regt der Autor Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Nachdenken an. Die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Silicon Valley haben auf der einen Seite viele negative Auswirkungen. Deren Spanne reicht von Risiken für die Geschäftsmodelle traditioneller Unternehmen, die sich noch keinem echten „Pivoting“ ausgesetzt haben, bis hin zu einer Vertiefung der Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die von der Digitalisierung profitieren und jenen, die am daraus resultierenden Wohlstand nicht partizipieren können. Ebenfalls auf der Liste der Risiken: Welche Folgen für die internationalen Beziehungen werden von Internet-Monopolisten gegründete Ozean-Staaten haben? So gesehen, kommt aus dem mächtigsten Tal der Erde nichts Gutes auf uns zu.

Auf der anderen Seite hat Christoph Keese eigentlich mehrere Bücher in einem geschrieben. Eines würde sich den erwähnten Risiken widmen. Ein anderes Buch hätte die positiven Entwicklungen an der Universität Stanford im Silicon Valley zum Thema sowie Anregungen für das Bildungssystem in Deutschland. Das entspricht nämlich in der Tat noch nicht den Bedürfnissen der digitalisierten Gesellschaft. So habe ich zwar in den 80er Jahren gemeinsam mit Freunden BASIC auf meinem C64 programmiert, doch im Standardunterricht (z.B. Physik) ist Programmieren hierzulande bis heute nicht angekommen. Keese hätte außerdem ein Buch für Gründer und Startups herausgeben können, in welchem er Tipps und Tricks aus seinen zahlreichen Gesprächen mit erfolgreichen Entrepreneurs aus dem Silicon Valley veröffentlicht.

Doch indem der Autor all diese und weitere Aspekte in ein Buch packt, macht er deutlich, wie sehr sie zu einem Big Picture über das Silicon Valley gehören. In diesem Sinne kommen also durchaus Dinge aus dem mächtigsten Tal der Erde auf uns zu, die uns in Deutschland und Europa voranbringen können. Vorausgesetzt, dass wir in den nächsten Jahren die richtigen Konsequenzen ziehen. Nochmals: Man muss das Buch nicht lesen. Aber man sollte es.

Fotos: Faust

Silicon Valley von Christoph Keese

Christoph Keese: Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt, München 2014 (ISBN: 978-3-8135-0556-6)

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