9/11 mit Social Media – Segen und Fluch

Genau zehn Jahre ist es am Sonntag her, dass Terroristen die USA in einer bislang nie dagewesenen Art und Weise angriffen. Es war eine Attacke auf die westliche Welt, der Meilenstein einer neuen Weltordnung: Sie kaperten Passagierflugzeuge und steuerten sie in einer konzertierten Aktion unter anderem in die Zwillingstürme des World Trade Centers (WTC) – im Abstand von 17 Minuten. Jeder von uns weiß noch, wo er damals war und was er tat. Uns einte nicht nur der Schock, sondern auch die Art und Weise, wie wir an Informationen kamen: Durch Fernseher, Radio  Internet. Aber was wäre, wenn es damals schon die sozialen Netzwerke in ihrer heutigen Ausprägung gegeben hätte?

Die Online-Welt anno 2001

Wie war sie denn, die (mobile) Online-Welt anno 2001? Es gab keine wirklichen Smartphones, keine Fotohandys, kein Skype, kein Twitter, kein YouTube, kein Facebook. Selbst dessen Vorläufer Friendster war damals noch nicht an den Start gegangen. Wir hatten Handys zum Telefonieren und PDAs für die digitale Organisation unserer realen Kontakte (mein Palm m505 liegt heute noch im Keller). Breitbandverbindungen im Internet waren in Deutschland eine Seltenheit: Die Quote lag bei unter sechs Prozent. Location Based Services (LBS) wie Foursquare? Fehlanzeige!

Ein Segen für die Retter

Wäre die Online-Kommunikation am 11. September 2001 auf dem heutigen Stand gewesen, dann hätte es – stabile Mobilfunkverbindungen vorausgesetzt – sicher eine Flut von Twitter-Meldungen der rund 20.000 Angestellten in den 110 Stockwerken der 412 Meter hohen WTC-Türme gegeben. Vielleicht hätte der eine oder die andere mit dem Smartphone sogar Bilder aus nächster Nähe von den anfliegenden Maschinen gemacht. Oder Clips von der Lage im Innern der Gebäude gedreht und diese auf Twitter, Flickr, YouTube, Facebook & Co. gepostet. Wichtige Informationen wären in Echtzeit nach draußen gelangt. Rettungs- und Einsatzkräfte hätten sich ein Bild aus erster Hand machen können. Das lässt sich aus dem Verhalten der Opfer jener Anschläge ableiten, den Terroristen im November 2008 im indischen Mumbai verübten. Um die eigene Familie und Freunde zu beruhigen, hätten Menschen im Umkreis des World-Trade-Centers Positionsangaben via Facebook Places oder Foursquare absetzen können.

Ein Fluch für die Öffentlichkeit

Was den einen zum Segen gereicht hätte, hätten andere als Fluch empfunden. Denn die Welt hätte mit der Existenz des Social Web am 11. September 2001 an einzelnen Schicksalen eingeschlossener, verletzter oder sterbender Menschen teilgenommen: Erschreckende Bilder aus dem Innern der WTC-Türme auf Flickr, letzte Videogrüße der Todgeweihten an Ihre Liebsten auf YouTube, Final Posts auf Twitter und Facebook von jenen der fast 3.000 Toten, die nicht sofort mit dem Einschlag der Maschinen starben. Das Social Web hätte den Drahtziehern der Anschläge die Möglichkeit gegeben, eine weitere Dimension der Angst und des Schreckens zu verbreiten. Solche Informationen hätten uns noch mehr erschüttert als es einige der über 1.600 telefonischen Notrufe, die hinterher bekannt wurden, oder die Live-Bilder, die wir damals fassungslos vor dem Fernseher verfolgten, ohnehin schon taten. Das Social Web in seiner heutigen Ausprägung hätte es dem Terrorismus damals ermöglicht, eine noch hässlichere Fratze von sich zu zeigen.

Fazit

Jedes Was-Wäre-Wenn-Szenario ist spekulativ. Aber sicher ist, dass ein Anschlag wie 9/11 im Social-Media-Zeitalter noch mehr Fassungslosigkeit und Entsetzen erzeugen würde.

Foto: von Robert from New York, USA (Fireball erupting in the South Tower) [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

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