90 Jahre MDR – Erinnerung an den Neustart

Udo Reiter MDR

„Hallo, hallo – hier ist Leipzig“, so schallte am 1. März 1924 die Mitteldeutsche Rundfunk AG (MIRAG) erstmals über den Äther. Zwei bis drei Stunden war der Mitteldeutsche Rundfunk zunächst auf Sendung. Es werden also nunmehr seit 90 Jahren aus Leipzig Rundfunkprogramme gesendet. Ein wichtiger Meilenstein dieser Geschichte ist die Gründung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) am 30. Mai 1991. Als damals blutjunger freier Mitarbeiter der Mediengruppe Main-Post (ab 1992 Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck) absolvierte ich damals Hörfunkseminare des Referats für journalistische Nachwuchsförderung der Hanns-Seidel-Stiftung mit Tilmann Schöberl und interessierte mich für die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Osten.

Leiter Intendanz unter Udo Reiter MDR

So konnte ich nur wenige Monate später, am 13.  November 1991, ein Interview mit Reinhard Krug führen. Der gebürtige Berliner war im Oktober 1991 zum Leiter der Hauptabteilung Intendanz des MDR unter Dr. Udo Reiter MDR berufen worden und blieb 20 Jahre in dieser Funktion. Krug hatte nach Abitur und Volontariat an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg studiert. Danach war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Programmplaner im Deutschen Fernsehfunk (DFF) tätig. Von 1990 bis 1991 leitete er in Berlin-Adlershof das Büro des DFF-Intendanten. In der Nacht vom 31. Dezember 1991 auf den 1. Januar 1992 wurde der DFF ab- und der MDR aufgeschaltet.

Mehrheit der Mitarbeiter aus dem Osten

Eine Frage in der Vorbereitunsphase des MDR-Sendestarts Anfang der 90er Jahre war zum Beispiel, wie der personelle Neustart des MDR unter dem Aspekt einer möglichen Stasi-Vergangenheit von Mitarbeitern gelingen könne. Krug erinnerte im Gespräch daran, dass der MDR laut Staatsvertrag Programme machen müsse, die die Verhältnisse in den Vertragsländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen genau widerspiegelten. Dazu brauchten sie Menschen, die die Befindlichkeiten der Leute genau kannten und die mit Gespür und Fingerspitzengefühl darüber berichten konnten. „Darum haben wir von Anfang an großen Wert darauf gelegt, dass die Mehrheit der Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern kommt. Gegenwärtig sind das zirka 75 Prozent“, sagte Krug. Im Herbst 1991 hatte der neue MDR 300 Mitarbeiter unter Vertrag, bis Jahresende sollten es ca. 1.000 werden. Insgesamt waren 2.000 Festangestellte angestrebt. Dieses Ziel ist längst erreicht.

Überprüfung durch die Gauck-Behörde

Gleichzeitig wurde zur Wendezeit aber auch entschieden, dass es keine automatische Übernahme kompletter Redaktionen geben dürfe, sondern dass sich jeder Mitarbeiter neu bewerben müsse. Auf diese Weise, so Krug damals, sollte sichergestellt werden, „dass die Leistungen jedes Einzelnen vor und nach der Wende differenziert betrachtet werden“. Dabei sei auch die Fragebogenaktion (auch bekannt unter „Dienstanweisung 08“) hilfreich gewesen, die der Rundfunkbeauftragte für die neuen Bundesländer Rudolf Mühlfenzl (1919 – 2000) unter 9.500 Mitarbeitern der sog. Einrichtung (DFF und Rundfunk der DDR) durchgeführt hatte. „Diese Überprüfung nach rechtsstaatlichen Grundsätzen verstehen wir als wichtigen Bestandteil des Neubeginns und als Voraussetzung zur Vertrauensbildung“, so Krug damals. Zusätzlich sei entschieden worden, dass jeder MDR-Mitarbeiter nochmals durch die Gauck-Behörde überprüft würde.

Struktur des MDR-Hörfunks

Neben personellen Fragen, galt es, strukturelle Fragen zu klären. So war von Beginn an geplant, in jedem der drei MDR-Vertragsländer ein eigenes Landesprogramm anzubieten. Darüber hinaus sollte es die Servicewelle „MDR-life“ geben, um die Zuhörer mit Informationen, Ratschlägen und flotter Musik zu versorgen. Auf „MDR-Kultur“ sollte das „anspruchsvolles Radio“ angesiedelt sein mit Konzerten, Hörspielen, Reportagen und Magazinen. „Durch eine Osteuropa-Redaktion in diesem Programm soll aber auch der Kontakt zu den östlichen Nachbarn gepflegt werden“, so Krug damals. Ferner sah das Konzept einen Info-Kanal auf dem Frequenzbereich der Mittelwellen vor, der im 30-Minuten-Takt Nachrichten, Hintergrund-Informationen und Bericht senden sollte, vergleichbar mit B5 aktuell, das im Mai 1991 auf Sendung gegangen war. Überhaupt hatte der Bayerische Rundfunk den MDR eng beim Neustart unterstützt. Personell kam dies u.a. dadurch zum Ausdruck, dass der frühere BR-Hörfunkdirektor Dr. Udo Reiter MDR am 7. Juli 1991 zum Gründungsintendaten des MDR berufen worden war. Diese Funktion hatte Reiter bis 2011 inne.

Struktur des MDR-Fernsehens

Das Gründungsangebot des MDR-Fernsehens bestand aus einem „Vollprogramm von täglich zehn Stunden“ mit den Genres Nachrichten, Unterhaltung, Dramatik, Publizistik und mehr. Reinhard Krug beschrieb das 1991 so: „Natürlich wollen wir eine eigene unverwechselbare Farbe ins Programm bringen, die unverkennbar den MDR charakterisiert. Es wird eine Mischung von Sendungen geben, die zum einen bereits mit Erfolg im bisherigen DFF-Programm liefen und die zu wichtigen Begleitern für die Zuschauer geworden sind, auf die sie nicht verzichten möchten. Zum anderen bringen wir auch viele neue Sendungen ins Programm, die unserem Charakter als Drei-Länder-Anstalt entsprechen sollen. So werden wir eine eigene Nachrichtensendung täglich um 19:30 Uhr ausstrahlen, eigene Tatort-Folgen produzieren, wobei die erste bereits am 19. Januar gesendet wird. Ende 1992 könnte es ein eigenes politisches Magazin, vielleicht ‚Report aus Leipzig‘ geben.“

Infrastrukturelle Provisorien

Der Neustart des Mitteldeutschen Rundfunks 1991 war nicht nur von den beschriebenen personellen und strukturellen Besonderheiten geprägt, sondern auch von etlichen infrastrukturellen Provisorien. So befanden sich die Landesfunkhäuser in Dresden, Magdeburg und Erfurt noch in der Planungsphase. Ihre Fertigstellung war für 1995 vorgesehen. Bis dahin setzte sich der MDR aus zahlreichen kleinen Studios zusammen, die datentechnisch nur unzureichend miteinander verbunden waren. Krug hatte daher einen täglichen Kurierdienst für Materialtransporte vorgesehen: „Um trotz der Staus pünktlich zum Ziel zu kommen, wird diese Aufgabe wohl ein Motorradunternehmen übernehmen“.

Fazit

Die 90-jährige Geschichte des Mitteldeutschen Rundfunks ist sehr bewegend, da sie unmittelbar mit der wechselvollen Geschichte unseres Landes verknüpft ist. Die hier in Erinnerung gerufene Zeit des Neubeginns nach der Wende ist ein kleiner Ausschnitt daraus. Dennoch handelt es sich um eine sehr wichtige Zeit. Denn damals wurden die Weichen dafür gestellt, dass sich der MDR zu einer festen und stabilen Größe in der gesamtdeutschen Medienlandschaft entwickeln und zu seinen Wurzeln in Form der MIRAG bekennen konnte – unabhängig von einigen Skandalen, mit denen der MDR in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgte.

Foto: MDR, Stephan Flad

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