5 Tipps für einen Online-Verleih-Verbund

Gemäß einer US-Studie hat jeder zweite US-Amerikaner über 18 entweder ein Tablet oder einen E-Reader. 28 Prozent aller US-Bürger lesen E-Books. Deren Umsatz ist in den USA zwischen 2008 und 2012 laut BookStats um sagenhafte 4.660 Prozent auf 3,04 Milliarden USD emporgeschnellt. Auch in Deutschland, dem mit 9,5 Milliarden EUR Umsatz viertgrößten Buchmarkt der Welt, sind E-Books nicht mehr aufzuhalten: PriceWaterhouseCoopers (PwC) erwartet ein Umsatzwachstum von 286 Mio. EUR in 2013 auf über 850 Mio. EUR in 2017 im am stärksten nachgefragten Segment Belletristik (inkl. Kinder- und Jugendliteratur). Neben dem boomenden Tabletmarkt wird der Kauf von E-Books sicher auch durch die Tatsache beflügelt, dass E-Books im preisgebundenen Buchmarkt durchschnittlich zehn bis 15 Prozent preiswerter sind als die gedruckten Exemplare. Preislich noch attraktiver ist das Entleihen digitaler Medien.

Medien online verleihen statt verkaufen

Der Verleih von E-Books, E-Videos, E-Audios (Hörbücher), E-Magazines, E-Paper (Zeitungen) und E-Music kann im Grunde auf drei Arten geschehen: mittels Flatrate-Angeboten wie sie zum Beispiel von Amazon oder Skoobe (einem Angebot der beiden Bertelsmann-Töchter Arvato und Random House sowie der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck) bereitgestellt werden, via Pay-per-use-Lösungen oder mittels spezieller Verleihmodelle für öffentliche Bibliotheken. Letztere bestehen im Kern aus Online-Plattformen, welche die Bibliotheken von speziellen Dienstleistern als Software-as-a-Service-Lösung (SaaS) erwerben. Darauf präsentieren sie ihr Angebot an digitalen Verleihmedien. Ihre registrierten Benutzer identifizieren sich über ihre Benutzer-ID und ihr Passwort. Beide Angaben werden über eine Schnittstelle zum Managementsystem der Bibliothek verifiziert. Sind die Daten korrekt und die ausgewählten E-Medien verfügbar, können sie heruntergeladen bzw. gestreamt (E-Audios) werden. 

In den USA gibt es Bibliotheken, die auf diese Weise E-Books an Flughäfen verleihen. Andere wie die „BiblioTech“ in Texas ersetzen ihre gedruckten Bücher komplett durch mit E-Books bestückte E-Reader. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mittlerweile fast 1.800 öffentliche Bibliotheken eigene Online-Verleih-Angebote oder sind Mitglieder eines Online-Verleih-Verbundes. Nachdem ich in den vergangenen Monaten einen solchen Online-Verleih-Verbund initiiert und gemeinsam mit einem hoch motivierten Team und kompetenten Partnern realisieren konnte, teile ich nachfolgend gerne fünf Tipps für den Aufbau eines solchen Verbundes

1. E-Medien-Anbieter auswählen

Zunächst gilt es, einen geeigneten Dienstleister bzw. E-Medien-Anbieter zu finden. Diese Unternehmen haben Rahmenverträge mit Verlagen abgeschlossen, worin unter anderem Vertriebsrechte sowie der Erwerb von Lizenz- bzw. Nutzungsrechten geregelt sind. Außerdem erstellen diese Unternehmen für die Bibliotheken die besagten Online-Plattformen. Vorreiter dafür war in den USA 2003 die Firma OverDrive. In Deutschland zählen derzeit die divibib GmbH in Wiesbaden (ein Unternehmen der ekz.bibliotheksservice GmbH) und die ciando GmbH in München zu den relevanten E-Medien-Anbietern für Bibliotheken.

Bibliotheken oder Medienhäuser, die sich aus Gründen der Effizienz und Effektivität gegen einen Einzel-Online-Verleih, sondern für einen Online-Verleih-Verbund entscheiden, werden sinnvollerweise Anbieter mit entsprechender Verbund-Erfahrung wählen. Darüber hinaus sind der Umfang an verfügbaren E-Medien im nachfragestärksten Segment (Belletristik) sowie die Kosten entscheidend. Grundsätzlich fallen folgende Aufwendungen ins Gewicht, wobei diese zum Teil nach Anzahl der aktiven Leser einer Bibliothek gestaffelt sein können oder nach der Zahl der Einwohner einer Stadt, in der sich die öffentliche Bibliothek befindet:

  • einmalige Gebühr fürs Einrichten der Online-Plattform
  • monatliche Dienstleistungsgebühren bzw. Betriebskosten
  • Kosten für eine Schnittstelle zum Bibliotheksmanagementsystem

Für Verleih-Verbünde gibt es Rabatte bzw. attraktive Angebote. So reduzieren sich die Kosten für eine Bibliothek in einem Verbund in der Regel deutlich. Außerdem verteilen sich die Kosten für den Aufbau des digitalen Medienbestandes auf mehrere Haushalte.

2. Verbundpartner auswählen

Parallel zur Suche eines E-Medien-Anbieters geht es darum, öffentliche Bibliotheken zum Mitmachen im Verbund zu gewinnen. Sie sollten innerhalb einer definierten Region liegen. Sind die Partner gefunden, sollten diese untereinander ihre Rechte und Pflichten regeln, etwa in Form einer zwischen ihren Trägern geschlossenen Vereinbarung und ggf. noch einer Geschäftsordnung. Darin lassen sich zum Beispiel der Name des Verbundes und der Domain, die Mechanismen der internen Koordination und der Kapitalfluss regeln. Auch die Art der Finanzierung des Verbundes ist wichtig. So ist zum Beispiel denkbar, dass jede Verbund-Bibliothek den gleichen prozentualen Teil ihres jeweiligen Print-Medienetats für den Online-Verleih-Verbund zur Verfügung stellt. Geklärt werden sollte auch, wer über die Medienbeschaffung entscheiden darf. Dies könnte jedes Jahr eine andere Bibliothek sein oder es könnte die Aufgabe einer permanenten Arbeitsgruppe sein. Auch die Nutzungsrechte an E-Medien sowie Regelungen für die Aufnahme künftiger Bibliotheken in den Online-Verleih-Verbund sollten in der Kooperationsvereinbarung geregelt sein. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung des Corporate Designs. Um hier zügig Ergebnisse erzielen zu können, empfiehlt sich rechtzeitig vor dem Start die Einrichtung einer entscheidungsbefugten Arbeitsgruppe.

3. Leistungen vereinbaren

Jedes Verbundmitglied muss dann einen Einzelvertrag über die Einrichtung und den Betrieb des Online-Verleihs mit dem E-Medien-Anbieter schließen. Darin können unter anderem diese Dinge geregelt werden:

  • Hosting und Betrieb des Online-Verleihs inkl. laufender Datensicherung und SWPÄ
  • Zugang zum Medienshop für den Auf- und Ausbau des E-Medien-Angebots
  • Bereitstellung statistischer Auswertungsmöglichkeiten inkl. Report-Erstellung
  • Pflege von FAQ sowie ggf. eines moderierten Userforums
  • Support-Modalitäten (Hotline, Ticket-System etc.)
  • Entwurf und Umsetzung eines individuellen Web-Designs für die Online-Plattform

  • Modalitäten über die Online-Schnittstelle zur vorhandenen Bibliothekssoftware 
  • Bereitstellung und Einbindung einer Online-Verleih-App für Smartphones und Tablets

Neben Vereinbarungen über den Aufbau und den Betrieb eines Online-Verleih-Verbundes muss die Bereitstellung der Inhalte Vertragsgegenstand zwischen den teilnehmenden Bibliotheken und dem E-Medien-Anbieter sein. Schließlich sollte klar sein, dass auch Schulungen und Testläufe Teile der vereinbarten Leistungen sind.

4. Digital Rights Management

E-Medien werden von den Verlagen in der Regel über ein digitales Rechtemanagement (DRM) vor unkontrollierter Verbreitung geschützt. Auch wenn DRM zu den Aufgaben der E-Medien-Anbieter gehört, sollten sich Verantwortliche eines Online-Verleih-Verbundes damit auskennen. Aber auch die Benutzer werden damit konfrontiert – spätestens dann, wenn sie sich zum Beispiel E-Books ausleihen wollen. Denn um DRM-geschützte E-Medien ansehen zu können, benötigen sie eine spezielle Software wie Adobe® Digital Editions. Über eine individuelle ID, die in diesem Fall durch Adobe® generiert wird, werden die Benutzer autorisiert, E-Books zu lesen. Adobe® Digital Editions unterstützt u.a. die Dateiformate PDF (für E-Books, E-Paper, E-Magazines) und EPUB (E-Books). Das letztgenannte Format hat gegenüber PDF den Vorteil, dass sich die Texte an unterschiedlichen Geräten dynamisch anpassen. Daher interpretieren nahezu alle E-Book-Reader (außer Kindle) dieses Format. Weitere Dateiformate für E-Medien sind übrigens WMA (für E-Audio und E-Music) und WMV (für E-Video).

Welche Rechte mittels Digital Rights Management verwaltet bzw. mit den E-Medien bereitgestellt werden, hängt von den jeweiligen Verleihlizenzen ab, mit denen die Verlage die Titel versehen haben. Im Bibliothekswesen entspricht die Standard-Verleihlizenz dem aus der Präsenzbibliothek bekannten Prinzip: Eine Lizenz fürs Entleihen eines Mediums an einen Nutzer. Sind E-Books mit dieser Lizenz entliehen, sind sie für andere Nutzer gesperrt. Weitergehende Verleihlizenzen ermöglichen dagegen das gleichzeitige Ausleihen eines E-Books durch mehrere Nutzer. Die spezielle DRM-Software erkennt den Umfang des digitalen Rechtemanagements. Jeder Nutzer kann übrigens ein E-Book auf bis zu sechs Geräten lesen. Entscheidend ist, dass die oben genannte ID auf all diesen Geräten hinterlegt ist.

5. Keine E-Reader-Beratung

Es gibt eine Vielzahl an Tablets und E-Readern. Allerdings ist nicht jedes Gerät für die Online-Verleih-Systeme öffentlicher Bibliotheken geeignet (EPUB-fähig). Kompetente Beratung dazu erfahren Kunden zum Beispiel in großen Buchhandlungsketten wie Hugendubel oder Thalia. Öffentliche Bibliotheken sollten sich diesbezüglich dagegen Zurückhaltung auferlegen. Ihr Kerngeschäft besteht aus Content-Beratung und Verleih, nicht aus Technik-Beratung. Dafür gibt es andere Experten und Ratgeber. Um ihren Kunden das Angebot eines Online-Verleihs schmackhaft zu machen, kann es aber von Vorteil sein, wenn öffentliche Bibliotheken vor dem Start eines Online-Verleihs für ihre Kunden einige E-Reader mit vorinstallierten E-Books parat haben.

Fazit

Wenn man mit einem motivierten und kompetenten Team zusammenarbeitet, die für die eigenen Bedürfnisse passenden Geschäftspartner gefunden hat, und ein vertrauensvolles Arbeitsklima unter den teilnehmenden Verbundpartnern herrscht, dass lässt sich ein Online-Verleih-Verbund in drei bis vier Monaten etablieren. Öffentliche Bibliotheken können auf diese Weise ihre Leistungsvielfalt und Modernität beweisen. Und sie können dem boomenden E-Books-Markt Rechnung tragen.

 Foto: Faust

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