Erinnerungen an 25 Jahre Mauerfall

25 Jahre Mauerfall

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Am Abend saß ich im meinem Zimmer in der Studenten-WG in Stuttgart-Botnang, unweit der Bäckerei der Eltern von Jürgen Klinsmann. Wie in den Wochen und Monaten davor in Sopron (Ungarn), Prag (Tschechoslowakei), Warschau (Polen) und Leipzig, verfolgte ich auch an diesem Tag über den Fernseher gebannt die historischen Ereignisse in Berlin. Je dramatischer sich die Dinge in der Nacht entwickelten und je durchlässiger diese verhasste Mauer wurde, umso mehr drängte es mich nach Berlin. Doch sowohl die lange Strecke quer durch die Republik als auch die Unsicherheit, ob ich überhaupt über die innerdeutsche Grenze nach Osten gelangen würde, hielten mich letztlich davon ab. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, gab es allerdings kein Halten mehr. Zum ersten Tag der deutschen Einheit fuhr ich mit einem Freund ans Brandenburger Tor.

Unendliche Wut an der Mauer

Als ich da am 9. November 1989 in meinem Zimmer saß und via TV nach Berlin blickte, erinnerte ich mich an einen Schulausflug in die geteilte Stadt. Viel weiß ich heute nicht mehr davon. Aber ein Bild und das, was es in mir auslöste, hat sich auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt: Wir Jugendliche stehen in West-Berlin unweit des Reichstages auf einer Aussichtsplattform an der Mauer und blicken auf das so nahe und doch so unerreichbare Brandenburger Tor. In diesem Moment spüre ich eine unendliche Wut in mir hochkochen auf diejenigen, die unsere Landsleute seit Jahrzehnten einsperren, sie auf der Flucht erschießen und sie von allem gesellschaftlichen und technischen Fortschritt abschneiden. Damals in Berlin wurde das sichtbar und vor allem fühlbar, was wir Schüler vorher nur aus trockenen Geschichtsbüchern erfahren hatten. 25 Jahre Mauerfall: das war damals ein tiefer Wunsch, aber jenseits unserer Vorstellungskraft.

Wolf Biermann und Axel Springer

25 Jahre nach 1989 und rund 30 Jahre nach dem emotionalen Schulausflug nach West-Berlin durfte Wolf Biermann am Freitag auf Einladung des Präsidenten des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, ehemalige SED-Parteimitglieder und Stasi-Mitarbeiter im Deutschen Bundestag öffentlich als „elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“, bezeichnen.

Das war ebenso bemerkenswert wie die Tatsache, dass Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, das Jubiläum 25 Jahre Mauerfall hautnah miterleben konnte. In der Gratis-Sonderausgabe der BILD-Zeitung an diesem Wochenende, die eine Auflage von 42 Millionen Exemplaren hat, ist ein ganzseitiges Foto des Altkanzlers abgedruckt. Es zeigt ihn, inszeniert durch den Fotokünstler Andreas Mühe, im Gegenlicht vor dem Brandenburger Tor mit Blick nach Westen. BILD-Chef Kai Diekmann war bei dem Shooting dabei und hat sich auf einem der Bilder neben Helmut Kohl gestellt.

Der Gründer seines Verlagshauses, Axel Springer, hatte einst das „unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit“ als einen von vier Leitsätzen seines Unternehmens etabliert. Diese Mission war am 9. November 1989 nahezu und am 3. Oktober 1990 vollständig erfüllt. Springer freilich, der am 22. September 1985 starb, konnte dies nicht mehr erleben.

25 Jahre Mauerfall im Museum

Sichtbare Spuren der Teilung Deutschlands sind heute nur noch schwer zu finden. Vor drei Jahren besuchte ich das Grenzmuseum Schifflersgrund bei Bad Soden-Allendorf. Dort sind die Grenzsicherungsanlagen der DDR auf 1,5 Kilometern Länge noch im Original erhalten. Beklemmend sind der Beobachtungsturm BT-9, der Grenzzaun aus den 70er Jahren mit dem Spurensicherungsstreifen und dem Kolonnenweg sowie die Grenzsicherungsanlagen. Gleichzeitig ist dieses Museum ein Mahnmal für all die Menschen, die bei ihren Versuchen, dem Unrechtsstaat DDR zu entfliehen, hinterrücks erschossen wurden. Denn just an der dortigen Grenze starb 1982 der Arbeiter Heinz-Josef Große durch Kugeln der DDR-Grenzsoldaten. 25 Jahre Mauerfall ist auch eine Verpflichtung, die Erinnerung an die Teilung und ihre Toten wach zu halten.

Dem diesjährigen Jubiläum 25 Jahre Mauerfall wird im nächsten Jahr die Feier zu 25 Jahre Deutsche Einheit folgen.

Titelbild zu 25 Jahre Mauerfall: By Thomas Wolf, www.foto-tw.de (Own work) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Übrige Fotos: Faust

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