2015 neues ZDF-Lagerfeuer – Wetten dass..?

Wetten dass

Jetzt haben es also alle schon immer gewusst: Die ZDF-Sendung „Wetten, dass ..?“ habe sich überholt, passe nicht mehr in die Zeit, sei kein wärmendes Lagerfeuer für die Familie mehr, entspreche nicht mehr der non-linearen Mediennutzung der jungen Menschen. Logisch also, dass ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler die Reißleine auf dem Lerchenberg in Mainz gezogen hat und eine Sendung mit zuletzt über 23 Prozent Marktanteil nach 33 Jahren einstellt. Ist das wirklich logisch? Mit Markus Lanz habe das alles nichts zu tun, beteuern Kommentatoren heute, die gestern noch mit Online-Petitionen gegen den Moderator sympathisierten. Also: Guter Moderator für ein schlechtes Sendungskonzept – das musste ja schief gehen!

Von Olympia über EWG bis DSDS

Ist das so? Ich meine nein. Denn hinter „Wetten, dass..?“ steht ein anerkanntes Prinzip, das schon die Griechen und die Römer kannten: In einer Arena kämpfen mindestens zwei Protagonisten oder Mannschaften gegeneinander und die Zuschauer verfolgen diesen Zweikampf mit in der Regel großem Interesse. Zweikampf bei „Wetten dass..?“? Na klar, denn bei jeder Wette gibt es zwei Gruppen von Zuschauern: Die einen wetten, dass das angestrebte Ergebnis erreicht wird, die andern wetten, dass der Kandidat scheitert. Frank Elstner hat das Potenzial, das in diesem Wettkampf-Prinzip fürs Fernsehen steckt, früh erkannt. Die von ihm erfundenen Shows wie „Spiel ohne Grenzen“ (WDR), „Die Montagsmaler“ (SWR) oder eben „Wetten dass..?“ (ZDF) beruhten genau darauf. Und es war immer etwas für Jung und Alt dabei – selbst wenn die ZDF-Onlineredaktion schon mal twitterte, dass bei „Wetten dass..? Scheiße produziert würde.

Weil dieses Prinzip so simpel und seit Jahrtausenden erfolgreich ist, war Elstner natürlich nicht der Einzige, der solche Spielshows konzipiert hat. Man muss dazu gar nicht in die Archive greifen und zum Beispiel an „Einer wird gewinnen“ (ARD) mit dem unvergessenen EWG-Moderator Hans-Joachim Kuhlenkampf erinnern, der wiederum ein Vorbild für Thomas Gottschalk war. Viel präsenter sind Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) unter anderem mit DSDS-Jury-Zugpferd Dieter Bohlen oder „The Voice of Germany“ (ProSiebenSat1) oder „Ich bin ein Star -Holt mich hier raus! / Dschungelcamp“ (RTL). In allen Fällen stehen Wettbewerbe im Mittelpunkt, die selbst non-linear geprägte Mediennutzer dazu bringen, sich zur vorgegebenen Zeit vor den Fernseher zu setzen (und gleichzeitig auf Second Screens online zu sein). Bei Olympia und der UEFA Champions League funktioniert es ebenso. Und der Erfolg? Marktanteile heutzutage zwischen 26 % (DSDS-Casting) und fast 30 % (Champions League).

Sparten- und non-lineare Angebote

Wir Medienschaffende wissen seit langem, dass sich die Interessen der Menschen diversifizieren. Im TV-Bereich reagieren wir darauf unter anderem mit non-linearen Angeboten auf YouTube wie zum Beispiel von Sky Deutschland oder mit Spartenangeboten wie ZDFneo (Unterhaltung speziell für junge Menschen zwischen 25 und 49 Jahren), EinsPlus (ab 20:15 Uhr für 14 bis 30-Jährige) oder SAT.1 Gold (für Frauen zwischen 40 und 65 Jahren). Deren Marktanteil liegt zum Teil unter einem Prozent! Dennoch investieren Medienunternehmen Millionenbeträge, um den Bedürfnissen der jeweiligen Anspruchsgruppen zu entsprechen. Doch diese Maßnahmen sind nicht nur eine Reaktion auf die Diversifikation, sondern gleichzeitig Beschleuniger dieses Prozesses. Wärmenden Lagerfeuern für die ganze Familie werden auf diese Weise die Holzscheite entzogen. Das macht aber nichts! Die terrestrisch und online angebotene TV-Vielfalt ist gut. Entscheidend ist, dass daraus die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Auch für Sendungen wie „Wetten, dass..?“.

Neue Maßstäbe für die Quote

Eine Konsequenz hätte sein müssen, dass man Quoten-Äpfel nicht mit Quoten-Birnen vergleicht: Die Marktanteile unter Thomas Gottschalk mussten andere sein als die unter Markus Lanz. Da liegen zum Teil 20 Jahre und damit völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen dazwischen. So gibt es YouTube erst seit 2005. Noch 2010 durften dort keine Clips mit mehr als elf Minuten Länge hochgeladen werden. Erst in den letzten Jahren wurde YouTube eine attraktive Alternative für junge Leute (zum Beispiel mit Y-TITTI) und damit zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz in dieser Anspruchsgruppe für die etablierten Sendeanstalten. Und erst seit wenigen Jahren gibt es den Bedarf an Second-Screen-Angeboten für TV-Sendungen. Darauf hat das ZDF reagiert und zum Restart von „Wetten dass..?“ mit Markus Lanz am 6. Oktober 2012 in Düsseldorf eine Webapp für die Sendung entwickelt – mit Infos aus dem Backstagebereich und mit Partizipationsmöglichkeiten für Online-affine Zuschauer.

wettendass_webapp

Aktueller Startbildschirm der Webapp von „Wetten, dass …?“.
Screenshot: http://webapp.wettendass.de/sendung/

Unter dem Aspekt der Crossmedialität hätte man noch überlegen können, Content aus dem Online-Bereich ins TV-Format zu integrieren. Auch unmittelbarere Mitwirkungselemente, wie sie zum Beispiel Richard Gutjahr und Daniel Fiene in ihrem „Rundshow“-Experiment (BR) im Jahre 2012 entwickelt hatten, hätten zu „Wetten, dass ..?“ gepasst.

Das heißt, bei sorgfältiger Marktbetrachtung hätte schon beim Stabwechsel 2012 klar sein müssen, dass die quotenstarken Jahre für „Wetten dass..?“ für immer vorbei sein würden. Darauf hätte man eingehen und den Wechsel von Gottschalk zu Lanz noch sorgfältiger planen können. Der neue Moderator, das neue Bühnenbild und die Webapp waren zu wenig. Es hätte zusätzlich der Einsicht bedurft, dass ein Marktanteil von 20 Prozent plus x heutzutage ein respektabler Wert ist und damit ein nachhaltiges Ziel für eine Lagerfeuersendung darstellen kann. Das Investitionsvolumen hätte allerdings entsprechend nach unten angepasst und damit wichtige Elemente des Sendungskonzepts kritisch hinterfragt werden müssen. Man kann erfolgreiche TV-Shows für die ganze Familie auch im kleineren Budgetrahmen produzieren.

Neue Anforderungen an die Moderation

Eine zweite Konsequenz aus der sich ändernden Mediennutzung der Anspruchsgruppen wäre gewesen, die Moderatorfrage früher zu stellen. Markus Lanz kommt als sympathischer Junge rüber. Keine Frage. Als Typ „Schwiegersohn“ war er sicher der Richtige für die mittelalterlichen Anspruchsgruppen. Außerdem hat er einen Bekanntheitsgrad von fast 90 Prozent und laut Image-Forscher Achim von Kirschhofer trotz aller Kritik einen außergewöhnlich hohen Sympathiewert. Bei den Web-affinen jüngeren Menschen hatte er es jedoch schwerer, die favorisieren frechere Typen. Dazu gehören sicherlich Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die u.a. die Sendungen „Circus Halligalli“ und „Joko gegen Klaas“ (beide ProSieben) bestreiten. Als die beiden am 22. Februar 2014 zu Gast bei Lanz in „Wetten dass..?“ in Düsseldorf waren, taten sie der Sendung gut. Vielleicht wäre ein Restart 2012 mit einem gleichberechtigten Moderatoren-Duo Lanz und Winterscheidt (oder Palina Rojinski) die bessere Wahl gewesen als das ungleiche Paar Lanz und Ilka Bessin alias Cindy aus Mahrzahn. Sicher ist jedenfalls, dass Markus Lanz großes Durchhaltevermögen bewiesen hat und mit der richtigen Einstellung die zum Teil sehr übertriebenen und unangenehm persönlichen Kritiken aushielt. So sagte er erst im Dezember 2013 sehr treffend im Stern-Interview: „Wenn der Shitstorm kommt, müssen Sie in der Lage sein, gedanklich einfach mal die Spülung zu drücken.“

Fazit zu Wetten dass

Am Ende bleibt meine Überzeugung, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen weiter Platz am Samstagabend für eine Lagerfeuer-Sendung für die ganze Familie ist. Auch der Bedarf an linearer Unterhaltung besteht weiterhin. Olympia, UEFA Champions League, DSDS und nicht zuletzt fast sieben Millionen Zuschauer von „Wetten dass..?“ belegen beides. Klar ist aber schon vor dem Restart der Sendung 2012 gewesen, dass die Nachfrage nie mehr so hoch sein würde wie früher. Das wurde bei der damaligen Überarbeitung des Konzepts nicht ausreichend berücksichtigt. Dadurch hat man auf dem Lerchenberg in Kauf genommen, dass die Marke „Wetten, dass …?“ nachhaltig beschädigt werden konnte. Sie steht heute für ein nicht mehr zeitgemäßes Format. So gilt auch in diesem Fall, dass der mit der Zeit weichen muss, der nicht mit der Zeit geht.

Nun darf man gespannt sein, welches neue Lagerfeuer die Programmverantwortlichen des ZDF ab 2015 entzünden werden. Wetten, dass es wieder ein generationsübergreifendes, aber moderneres Angebot sein wird?

Fotomontage: Faust (Logo: ZDF, Foto: Faust)

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