1914: Schicksalsjahr eines jungen Schneiders

Erster Weltkrieg Anton Faust

Der Sommer ist noch jung an diesem 28. Juni 1914. Es ist Sonntag und in Würzburg, einer der größten Garnisonsstädte Bayerns, feiert Unterfranken seine einhundertjährige Zugehörigkeit zum bayerischen Königreich. Kein geringerer als König Ludwig III. war am Vortag mit seiner Familie mit dem Zug aus München angereist. An diesem Sonntagvormittag lacht die Sonne über Würzburg. Die Königsfamilie besuchte den Gottesdienst im Dom und begibt sich anschließend zur unweit gelegenen Residenz. Auf dem großen Vorplatz des von Balthasar Neumann geplanten Prachtbaus präsentieren sich Verbände des II. bayerischen Armeekorps, dessen Generalkommando sich in der Stadt befindet. Nahezu zeitgleich, um 10:50 Uhr, werden im rund 1.200 Kilometer entfernten Sarajevo der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Frau Sophie vom serbischen Freischärler Gavrilo Princip auf offener Straße erschossen.

Headline of the New York Times June-29-1914

Heimschneider für die Textilindustrie

Dieses Ereignis sollte das Leben von Millionen Menschen in Europa und der Welt gravierend verändern. Unter anderem für den damals 21-jährigen Anton Peter Faust, der an diesem 28. Juni vermutlich auch in Würzburg weilt. Seit Abschluss der Volksschule kümmert er sich um seine früh verwitwete Mutter. Sein Vater war Zimmermann-Meister und starb als Anton elf Jahre alt war. Wie viele seiner Zeitgenossen arbeitet er in seiner Heimat Leidersbach (Unterfranken) als so genannter Heimschneider für die junge Herrenbekleidungs-Industrie, als deren Gründer der Schneider Johann Desch gilt. Faust näht schon seit Jahren die ganze Woche über Hosen zuhause und bringt sie immer samstags nach Aschaffenburg, wo er seinen Lohn kassiert. Dieser geordnete Lebensrhythmus des jungen Schneiders im beschaulichen Spessart sollte sechs Wochen nach dem Besuch des Bayerischen Königs Ludwig III. in Würzburg und nach dem Attentat in Sarajewo abrupt unterbrochen werden.

Rekrut beim 17. Infanterie-Regiment „Orff“

Denn an diesem 15. August 1914 rückt Anton Faust als Ersatz-Reservist ein. Grundlagen dafür waren die Ersatzreservepflicht, die damals vom 20. bis zum 32. Lebensjahr dauerte, sowie die Kriegserklärung Deutschlands gegen Russland unter gleichzeitiger Mobilmachung am 1. August 1914. Es ist Samstag als Anton Faust sein Heimatdorf verlassen und sich in die Garnisonstadt Germersheim am Rhein begeben muss. Seit 1816 gehört die Pfalz zu Bayern, weshalb in der Festung Germersheim das Königlich Bayerische 17. Infanterie-Regiment (17. IR) „Orff“ stationiert ist. Seit dem 7. August 1914 ist das Regiment allerdings im Frankreichfeldzug an der Westfront eingesetzt. Zurückgeblieben ist ein Ersatzbataillon zur Ausbildung der Rekruten. Faust wird dem 2. Rekruten-Depots zugeordnet, das in der Zollerkaserne untergebracht ist (wie das I. und II. Bataillon des 17. IR „Orff“). Vermutlich am darauffolgenden Montag, 17. August, wird der junge Schneider mit der feldgrauen Uniform des deutschen Infanteristen samt den „Knobelbechern“ eingekleidet. Bis zum 3. Oktober lernt er nun insbesondere den Umgang mit dem Standardgewehr 98 (Kaliber 7,92 mm) und mit dem dazugehörigen Bajonett, sowie mit Hand- und Gewehrgranaten.

1914_Kriegsgliederung

17. IR „Orff“ von der Pfalz an die Somme

Sein Regiment war bereits Anfang August von Germersheim nach Frankreich verlegt worden. Als Teil der 6. Armee unter Führung von Kronprinz Rupprecht von Bayern wurde es ab dem 8. August in Lothringen zunächst in Grenzschutzgefechte verwickelt. Erster Weltkrieg hautnah: Am 20. und 21. August nahmen die Soldaten des 17. IR „Orff“ an der Schlacht bei Lothringen und vom 22. August bis 14. September an der Schlacht von Nancy-Épinal teil. Anschließend befahl der Kriegsminister und neue Generalstabschef, der preußische Generalleutnant Erich Georg Anton Graf von Falkenhayn, die Verlegung der 6. Armee nach Nordwestfrankreich. Ziel war es, gegen Frankreich den Wettlauf zum Meer zu gewinnen. Die bayerischen Armeekorps und damit auch das 17. IR „Orff“ wurde dazu von Metz mit der Bahn weiter nach Nordwesten ins belgische Namur transportiert, das bereits am 27. August im Rahmen des Schlieffenplans von deutschen Truppen erobert worden war. Von Namur ging es per Landmarsch rund 150 Kilometer in die Gegend nördlich von St. Quentin. Am 26. September traf das II. bayerische Armeekorps mit dem 17. IR „Orff“ schließlich nördlich der Stadt Péronne an der Somme ein. Bis zum 4. Oktober kämpfte das Regiment in der Schlacht an der Somme. Die 4. bayer. Infanterie-Division aus Würzburg konnte dabei drei französische Divisionen besiegen. Die 3. bayer. Infanterie-Division aus Landau mit dem 17. IR „Orff“ hatte weniger Erfolg. Ein Angriff wurde bereits bei Maricourt gestoppt.

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Einsatzroute (Skizze) des 17. IR „Orff“ von der Pfalz an die Somme im August/September 1914. Quelle: Google Maps

Erster Weltkrieg: Ankunft im Felde an der Somme

Von Maricourt wird das 17. IR „Orff“ anschließend nach Arras verlegt, wo es vom 5. bis zum 12. Oktober kämpft. Von den Schlachten seines Regiments bei Nancy-Épinal und an der Somme hört Anton Faust im sicheren Germersheim. Was der Krieg aber hautnah bedeuten würde, erfährt er ab dem 10. Oktober 1914. Erster Weltkrieg hautnah: An diesem Samstag hat er seine fast zweimonatige Ausbildung absolviert, war eine Woche (vom 4. bis. 9. Oktober) der 4. Kompanie zugewiesen und wird nun in die 5. Kompanie des 17. IR „Orff“ beordert und zu ihr ins Feld versetzt. Seine Kompanie war Teil des II. Bataillons und dürfte direkt von Germersheim per Zug nach Metz und weiter nach Namur verlegt worden sein. Gemäß seiner Stammrolle kommt er am 15. Oktober im Felde an. Es ist ein Donnerstag und sein Regiment ist seit zwei Tagen wieder in Stellungskämpfen an der Somme verwickelt. Da diese bis zum 23. Oktober andauern, hat Anton Faust in diesen Tagen an der Somme vermutlich seine erste Feindberührung. Nach dem 23. Oktober verlegt das 17. IR „Orff“ weiter nördlich in den Raum Comines an der französisch-belgischen Grenze. Von dort wird das II. bayerische Armeekorps auf die Stadt Ypern angesetzt.

Von Comines über Houthem nach Hollebeke

Schon seit dem 19. Oktober 1914 hatten andere Teile der 6. Armee im Südosten von Ypern Stellung auf einer Linie zwischen den Städten Warneton, Comines und Wervicq bezogen. Innerhalb von acht Tagen rückten Ulanen (mit Lanzen bewaffnete Kavallerie), schwere Reiter und Chevaulegers (leichte Kavallerie) rund fünf Kilometer nach Nordwesten. Mit anderen Truppengattungen bildeten sie eine Angriffslinie hinter den Ortschaften Houthem und Kruiseik. Nur 2-3 Kilometer weiter lagen englische und französische Truppen und bildeten eine Linie etwa auf Höhe der Gemeinden Hollebeke, Zandvoorde, Cheluveit (Wytschaete-Bogen). Ihre Aufgabe war es, die Stadt Ypern südlich gegen die 6. Armee und ostwärts gegen die 4. Armee zu verteidigen. Um den Wytschaete-Bogen zu durchbrechen, bildete Erich Graf von Falkenhayn eine gesonderte Durchbruchgruppe unter Führung des preußischen Generals Herrmann Gustav Karl Max von Fabeck. Zur Armeegruppe Fabeck gehörte auch das II. bayerische Armeekorps unter Führung des Münchner Generals Karl Ritter von Martini. Teil des II. Korps war das 17. IR „Orff“. Das gesamte II. Korps hatte bereits erhebliche Verluste an Offizieren und erfahrenen Mannschafften erlitten und noch keinen genügenden Ersatz erhalten. Dennoch muss es am Morgen des 30. Oktobers 1914 als Teil der Armeegruppe Fabeck losschlagen. Es beginnt die erste Schlacht um Ypern, bzw. die erste Flandernschlacht.

Karte: Das Bayernbuch vom Weltkrieg 14/18

Karte aus: Das Bayernbuch vom Weltkrieg 14/18, S. 44
(C) Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Schulterschuss bei Houthem am 30.10.1914

Erster Weltkrieg hautnah: Am Abend des 29. Oktobers machten sich die 3. und die 4. bayer. Infanterie-Division auf den Marsch in Richtung Ypern. Aus den Bereitstellungsräumen rund um Comines marschiert die 6. bayer. Infanterie-Brigade unter Generalmajor Eugen Claus mit dem 17. IR „Orff“ (Oberst Georg Meyer) und dem 18. IR „Prinz Ludwig Ferdinand“ (Oberst Luitpold Weiß-Jonas) zunächst in nordwestliche Richtung. In der Dunkelheit orientieren sich Anton Faust und seine Kameraden am Kanal Ypern-Comines sowie an der parallel dazu verlaufenden Bahnlinie nach Ypern. Sie halten sich links von diesen Markierungen, während die Soldaten der 4. Division rechts davon marschieren. Der Auftrag für diese Nacht lautet, die Heereskavallerie abzulösen. Das gelingt. Allmählich graut der feuchte Freitagmorgen, die Truppen der 6. bayer. Infanterie-Brigade bewegen sich westlich des Kanals auf Hollebeke zu. Dahinter folgen die übrigen Verbände der 3. bayer. Infanterie-Division unter Führung von Generalleutnant Otto Ritter von Breitkopf. Die Männer des 17. IR „Orff“ wissen, dass hinter der kleinen Ortschaft  Houthem, die sich direkt am Kanal und jetzt südostwärts von ihnen befindet, die Engländer auf Höhe Hollebeke mit indischen Hilfstruppen liegen. Sie rücken immer weiter auf Hollebeke zu. Punkt 7 Uhr eröffnet die deutsche Artillerie über die Köpfe des jungen Schneiders und seiner Kameraden hinweg das Feuer in Richtung Hollebeke. Der Feind ist zum Teil nur noch 700 bis 300 Meter entfernt. Etwa zwei Stunden später, gegen 9 Uhr, muss die Infanterie an die forderste Linie. Die Männer des 17. IR „Orff“ gewinnen südlich von Hollebeke nur langsam Raum im Kugelhagel der feindlichen MG-Nester. Viele fallen. Plötzlich verspürt Anton Faust einen stechenden Schmerz in der rechten Schulter. Gleichzeitig wird er umgerissen und fällt in den matschigen Boden Flanderns. Getroffen!

Kriegsversehrt und dennoch glücklich

Aber der Infanterist Faust hat Glück. Er ist nicht lebensgefährlich verletzt. Der Steckschuss in der Schulter gilt damals als eine leichte Verletzung (vgl. Eintrag in der Bayer. Verlustliste Nr. 126). Er wird zu einem rückwärtigen Verbandsplatz gebracht und notdürftig versorgt. Die größere Aufmerksamkeit der Sanitäter gilt an diesem Freitag in mitten des anhaltenden Stahlgewitters den schwer Verwundeten und Sterbenden. Zwei Wochen später, am Ende der ersten Flandernschlacht, werden über 100.000 deutsche Soldaten ihr Leben verloren haben und vermutlich noch einmal so viele englische und französische Soldaten. Anton Faust aber hat Glück im Unglück an diesem Freitag. Für ihn ist der Krieg nach 14 Tagen im Felde zu Ende. Tausende seine Kameraden müssen weiterkämpfen. Erster Weltkrieg hautnah: Die vordersten Linien kommen an diesem 30. Oktober nachmittags gegen 15 Uhr auf 300 Meter an Hollebeke heran. Um 17 Uhr stürmen die Bataillone  die brennende Ortschaft. Erst dann gibt es für die Mannschaften eine kurze Pause. Das Ziel der 6. bayer. Infanterie-Brigade ist erreicht. Dennoch entschließt sich General Eugen Claus, noch das Schloss und den Park westlich von Hollebeke zu erobern. Durch einen „kühnen Nachtangriff“ (Zitat aus „Das Bayernbuch vom Weltkrieg 14/18“) besetzt das 17. IR „Orff“ um 22:15 Uhr mit dem I. und II. Bataillon kampflos den Westrand des Parks beiderseits des Sträßchens, das von Hollebeke nach Westen führt.

Von Belgien über Berlin zurück in die Heimat

Anton Faust wird später in einem Feldlazarett weiter versorgt. Auch von einem Aufenthalt in einem Lazarett in Berlin wird erzählt („In Berlin jewesen, Kaiser jesehen und inne Spree jespuckt“). Die Kugel aber bleibt stecken. Erst im Jahre 1936, also 22 Jahre später, kann sie in Würzburg operativ entfernt werden. Bei seiner Rückkehr von der Westfront ist es nur ein halbes Jahr her, dass König Ludwig III. Würzburg bei strahlend schönem Sonnenschein besucht hatte und die Welt so friedlich schien. Jetzt ist Anton Faust 22 Jahre alt, Kriegsversehrter und kann aufgrund seiner Behinderung nicht mehr in seinem bisherigen Beruf arbeiten. Hinter ihm liegen grausame Erlebnisse, vor ihm eine ungewisse Zukunft und die Sorge als einziges noch lebendes Kind um seine verwitwete Mutter. Das Jahr 1914 war für ihn wie für Millionen andere Menschen in Europa, ein Schicksalsjahr. Für ihn war das buchstäblich: Erster Weltkrieg hautnah. Doch Anton Faust blickt nach vorne, zieht mit seiner Mutter nach Würzburg und findet wieder eine Arbeitsstelle. Er sollte sich noch über vier Kinder und zahlreiche Enkel und Urenkel freuen können, den zweiten Weltkrieg überstehen, um schließlich im Alter von 93 Jahren friedlich zu entschlafen.

Disclaimer:

Mein Großvater erzählte keine Details über seine Zeit im Krieg. Wie viele seiner Landsleute wollte er sich nicht an diese schrecklichen Zeiten erinnern. Wir als Familie wussten nur, dass er an der Westfront kämpfte und einen Schulterschuss abbekam. Alle anderen Details in dieser Geschichte habe ich erst rund 85 Jahre später selbst in den Archiven recherchiert und anlässlich des 100-jährigen Gedenkens hier gepostet. Als Quellen dienten mir die Kriegsstammrolle aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, die bayerischen Verlustlisten des Krankenbuchlagers in Berlin sowie insbesondere diese Bücher:
– Dellmensingen, Konrad Krafft v. et Feeser, Friedrichfranz: Das Bayernbuch vom Weltkriege 1914 – 1918, Bd. 1, Stuttgart 1930
– Falkenhayn, Erich v.: Die oberste Heeresleitung 1914 – 1916, Berlin 1920
– Riegel, Johann: Das Königlich Bayerische 17. Infanterie-Regiment „Orff“, München 1927

Übrigens: An diesem Freitag, den 30. Oktober 1914, kämpfte zur selben Stunde, in der selben Schlacht und nur rund sieben Kilometer ostwärts von meinem Großvater ein Kriegsfreiwilliger aus Österreich. Als Freiwilliger des 16. bayer. Reserve-Infanterie-Regiments unter Führung von Oberst Julius List war er bei der Eroberung der Stadt Gheluvelt dabei. Es war dies die rechte Flanke des Angriffs der Armeegruppe Fabeck (vgl. Karte oben). Dieser Mann gehörte ebenfalls zu den Glücklichen, die diese erste Flandernschlacht und am Ende den ganzen Krieg überlebten. Für Deutschland und die Welt aber, sollte sich sein Überleben als Fluch erweisen. Denn dieser Soldat war kein anderer als Adolf Hitler. Auch das war: Erster Weltkrieg hautnah. Damals kannte zwar noch niemand den 25-Jährigen. Als er aber wenige Jahre darauf auf die politische Bühne trat, verachtete ihn mein Großvater.

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